Der Nagellack

03.12.2023Text: MICHAEL HOFER

MICHAEL HOFER

MICHAEL HOFER verkauft Surprise in Oerlikon und ist Teil der Produktion «be- yond the material/Verschenkte Erinnerungen» im Sogar Theater (siehe Tag 11).

Ich habe mir die Fingernägel lila lackiert.

Ich dachte, das ginge gar nicht für mich, weil ich Nägel kaue. Aber Claudio von der Klimabewegung sagte mir, gerade deswegen solle ich es tun. Das schütze auch vor dem Nägelkauen. Ich habe das schon immer getan. Aus Nervosität, unter Druck, im Stress. Der Nagellack ist ein Schutz, für die Nägel und für mich, damit ich mich nicht selbst zerstöre.

In der Klimabewegung haben viele lackierte Fingernägel. Schwarz, blau, bordeauxrot. Die Farbe spielt eigentlich keine Rolle. Die farbigen Fingernägel stehen für eine offene Gesellschaft, auch für eine Form von Zugehörigkeit zur Gruppe, wobei es auch viele Klimaaktivist*innen gibt, die sich die Nägel nicht lackieren. Pflegepersonal etwa darf gar nicht, wegen der Hygienevorschriften im Beruf.

Bis vor Kurzem war es üblich, dass nur Frauen sich die Nägel lackieren. Später sah ich Männer, die es taten, und färbte meine Fingernägel auch. Ich erhielt dafür hauptsächlich positive Reaktionen. Ich habe meinen Nachbarn darauf angesprochen, wie er meinen Nagellack fände. Er machte einen Spruch und sagte, wenn er Rosa wäre, hätte er mich gefragt, ob ich wegen dem Barbie-Film auf die Idee gekommen wäre. Aber er fand es gut. Als ich ein Kind war, da gab es nur wenige Männer mit langen Haaren, bei Frauen war es normal. Bei meinen Freund*innen, da gibt es nicht nur Mann oder Frau, Er oder Sie. Das wäre in meinen Augen nicht korrekt, weil es auch Transmenschen und nonbinäre Menschen gibt. In meinem Umfeld bezeichnen sich viele Menschen als nonbinär. Gewisse Leute meinen, dass ein Mann zwingend eine Frau brauche, aber Liebe kann genauso zwischen zwei Männern oder zwei Frauen oder zwischen nonbinären Menschen bestehen. Es gibt viele Kategorien und Schubladen, die Geschlechterstereotypen bedienen. Noch vor fünfzehn Jahren hiess es, Technik und Fussball sei nur etwas für Männer. Heute sehen wir, dass Frauen beides genauso gut können.

Meine Mutter war Maschinenbauzeichnerin und sie war immer Feministin. Die Nägel lackiert hätte sie sich nie, dafür tue ich es jetzt.

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