Zukunftstag

09.12.2023Text: SEYNAB ALI ISSE

SEYNAB ALI ISSE

SEYNAB ALI ISSE verkauft Surprise in Winterthur und ist in der Produktion «beyond the material/Verschenkte Erinnerungen» im Sogar Theater zu sehen.

Meine Tochter hat am Zukunftstag im November drei verschiedene Arbeitsstellen besucht, alle bei uns in der Familie. Den Vormittag über kam sie mit mir Surprise verkaufen. Weil sie mit einer Entwicklungsstörung lebt und ihr Menschenmassen schnell zu viel werden, standen wir in Effretikon statt am Hauptbahnhof Winterthur, wo ich meistens verkaufe. Es war das erste Mal, dass sie arbeiten ging, und sie hat ihre Kleidung sorgfältig auf das Surprise-Rot abgestimmt, die rosa Jacke angezogen und den rosa Rucksack mitgenommen, damit es zur Surprise-Weste passte. Ich sagte zu ihr: «Das ist heute deine Arbeit!» und habe selber nicht verkauft. Es lief gut, und sie war stolz darauf.

Danach gingen wir ins Zürcher Sogar Theater zur Probe. Ich spiele im Dezember in einer Produktion mit, die in Kooperation mit Surprise entsteht. Wir waren zur Textbesprechung da, haben die Abläufe vorbesprochen und die Bühne angeschaut. Dann ging sie in den Elektrobetrieb, in dem ihr grosser Bruder seine Lehre gemacht hat und heute arbeitet. Sie hat sich alle Werkzeuge angeschaut und wahnsinnig viel gefragt, was ist das, wozu verwendet man jenes. Die Abläufe und Maschinen interessierten sie.

Sie hat überall Fotos gemacht: Verkauf, Theater, Elektrobetrieb. Nachdem sie in der Schule all die Aufnahmen gezeigt und von drei Arbeitsplätzen erzählt hatte, rief mich die Lehrerin an und fragte mich, ob das denn stimme, ob ich jetzt auch Schauspielerin sei. Das war lustig.

Meine Tochter ist nun 16. Ihre Zukunft ist für mich mit grossen Fragen und Druck verbunden. Ich suche einen Ort, an dem sie trotz ihren Einschränkungen eine Chance hat, etwas aus ihrem Leben zu machen. Ihre Lehrpersonen haben Erfahrung mit Jugendlichen mit besonderen Bedingungen. Trotzdem beschäftigt es mich sehr. Kann sie eine berufliche Tätigkeit finden oder bleibt diese Tür verschlossen? Wer wird uns unterstützen im Wunsch, ihren Alltag sinnvoll zu gestalten? Sind es die Ärzte, die IV? Sind es Behindertenorganisationen? Soziale Arbeitgeber*innen, die einen Versuch mit ihr wagen? Oder muss ich mich allein auf die Suche machen?

Der Zukunftstag hat meiner Tochter Einblick in Jobs gegeben, die vielleicht unrealistisch für sie sind, vielleicht aber auch nicht. Ein Faktor ist, welche Fähigkeiten sie mitbringt. Ein anderer, wie gross der Mut und die Möglichkeiten sind, Menschen wie ihr eine Arbeit anzuvertrauen.

Ihre drei grössten Stärken sind übrigens: Neugier, Fröhlichkeit und dass sie offen auf Menschen zugehen kann.

Mehr zum Thema Adventskalender