Poesie für vergessene Leben

01.01.2024Text: MELANIE KATZ, Illustration: KATRIN VON NIEDERHÄUSERN

MELANIE KATZ

MELANIE KATZ ist Autorin und leitet das «Einsame Begräbnis» in der Deutschschweiz. Im Limmat Verlag ist 2023 der Band «Die Einsamen Begräbnisse» erschienen.

Einsamkeit ist, das zeigen diverse wissenschaftliche Studien, ein rasant anwachsendes Problem in westlichen Gesellschaften. Sie ist auch ein hochpolitisches Thema, das Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten betrifft. Laut einer im November 2020 veröffentlichten Umfrage der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG ist zwischen Juni und Oktober desselben Jahres in der Schweiz die Angst vor sozialer Isolation und Einsamkeit im Zusammenhang mit der Pandemie von 30 auf 46 Prozent gestiegen. Auch schon vor Corona war Einsamkeit ein Thema: Schon im Jahr 2017 gaben laut einer Erhebung des Bundesamts für Statistik BFS 38 Prozent der Wohnbevölkerung und 46 Prozent der Migrant*innen der ersten Generation an, einsam zu sein. Soziale Isolation betrifft vor allem Menschen in prekären Situationen oder ältere Menschen, aber auch – und das ist besorgniserregend – zunehmend junge Menschen. Zu den Ursachen gehören sowohl ökonomische Zwänge, der Druck der Leistungsgesellschaft, das Aufweichen zahlreicher Rollenbilder und Familienbande als auch die Digitalisierung.

Das «Einsame Begräbnis» setzt dieser Entwicklung die Sprache, das Gedicht entgegen. Es ist ein Abschiedsgruss an Menschen, die allein ihren letzten Weg antreten. Die Dichter*innen schreiben in diesem 2017 von mir in Zürich initiierten Projekt gegen das Vergessen von Menschen an. Seitdem begleiten wir Verstorbene auf ihrem letzten Weg auf dem Zürcher Friedhof Nordheim. In der Deutschschweiz sind zudem weitere Städte mit uns im Gespräch.

Es ist ein lyrisches Projekt, für das die jeweils beauftragten «Dichtenden vom Dienst» ein persönlich gewidmetes Gedicht für einsam verstorbene Menschen verfassen und an deren Begräbnis verlesen. Das Gedicht begleitet die Verstorbenen, die Dichtenden verabschieden sie aus einem Leben, in dem sie zumindest zum Schluss auf sich allein gestellt waren. Das kleine Ritual – ein paar Blumen, das Verlesen – wirft ein Licht auf die «vergessenen Leben». Es erweist den Verstorbenen Respekt und Würde und ist ein Zeichen der Solidarität. Das Gedicht wird im Nachgang der Beisetzungen auch auf einer Webseite publiziert, die in Gestaltung und Funktion als digitale Stele dem Gedenken über das Begräbnis hinaus dient. Zudem wird das Gedenken bei jeder Lesung wiederbelebt.

Die Arbeit am Text wirft dabei Fragen auf: Wie dichtet man für einen unbekannten Menschen? Will er, will sie dies überhaupt? Und wem nützt das? Wie kann ich es ihm oder ihr zueignen? Nicht nur einmal wurde ich gefragt, wer denn da überhaupt zuhöre.

Wenn also in der Stadt Zürich ein Mensch verstirbt und durch das Friedhofsamt keine Angehörigen aufzufinden sind, die sich für die Beisetzung zuständig fühlen, wird die verstorbene Person im Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Nordheim in Zürich Oerlikon beigesetzt. Diese Sammelbeisetzungen der Einsamen finden einmal jährlich Ende September statt. Werden keine Angehörigen gefunden, die sich für das Begräbnis zuständig fühlen, wird vom Friedhofsamt ein Datenblatt an uns verschickt. Hierin finden sich je nach Todesfall zumeist der Geburtsort, die letzte Wohnadresse und manchmal Daten zu etwaigen Kontaktpersonen, unter Umständen auch nur der Geburtsort (z.B. bei Todesfällen von obdachlosen Menschen, von denen keine weiteren Unterlagen mehr auffindbar sind). Die «Dichtenden vom Dienst» bekommen die Informationen mit der Bitte um Diskretion und können damit auf Recherchetour gehen. Da alle Beisetzungen öffentlich ausgeschrieben werden, ist dies datenschutztechnisch unproblematisch, aber aufgrund einer hohen Tabuisierung in Verhandlungen mit zuständigen Ämtern trotzdem ein sensibler Aspekt, den wir als «Dichtende vom Dienst» sehr ernst nehmen

Die Recherche beginnt in der Regel am letzten Wohnort. Jede Recherche ergibt ein Gedicht, aber auch einen Prosatext, den «Bericht», in dem die Dichtenden von ihrer Spurensuche erzählen. Dieser literarische Bericht spielt eine wichtige Rolle, er verweist auf die Entstehungsbedingungen des lyrischen Textes und lässt die Autor*innen und deren Rezeption der Umstände sichtbar werden. In der persönlichen Erzählung können über die persönliche Perspektive der Schreibenden auch sozialkritische Fragen angesprochen werden.

Das Gedicht als verdichtete sprachliche Form ermöglicht die zartesten und die stärksten Möglichkeiten zum Sublimen. Es eignet sich hervorragend für die Art der Erinnerungsarbeit. Soziale Entfremdung tritt in der Vereinzelung von Menschen sowohl in roher Gewalt und auch leise zwischen den Zeilen einer Existenz zutage, die wir zu übersehen neigen und dazu auch allzu oft gewillt sind. Die Gedichte zum Einsamen Begräbnis setzen dem etwas entgegen. Sie halten auf der virtuellen Plattform Stellung, sind dort zum Gedenken festgeschrieben, finden ihren Weg in Bücher, an Lesungen, zu den Menschen.

Dass Sprache, eben das einander zusprechen, die harte Schale von Einsamkeit aufbrechen und somit auch politisch und gesellschaftlich wirksam werden kann, macht die Arbeit als Dichtende vom Dienst an diesem Gedenken im Leben erfahrbar.

 

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