Während man anderswo ist

24.12.2023Text: INGO PETZ, Illustration: KATRIN VON NIEDERHÄUSERN

INGO PETZ

INGO PETZ bezeichnet Belarus als seine zweite Heimat, über die er seit über 25 Jahren schreibt.

Vor ein paar Wochen starb Alla. Sie war die Tante meiner Frau Alesja, eine kleine burschikose Person, deren einnehmende Herzlichkeit sich auch in ihrem selbstbewussten Humor fand. Ein Humor, der davon zeugte, wie sehr sie sich schon zu Sowjetzeiten in einer weitgehend männlich dominierten Welt durchsetzen musste. Alesja hatte gehofft, sie noch einmal zu sehen, bevor sie stirbt. Sie hatte Krebs. Es war klar, dass ihr wenig Zeit bleibt. Und uns. Denn darum geht es: Zeit und Zukunft. Sie werden von diesen Tyrannen, die mit Unterdrückung, Gewalt und Krieg herrschen, geraubt, zerstört, zunichte gemacht.

Im Februar 2020, als die Pandemie loslegte und ihr Unheil begann, war Alesja das letzte Mal in Belarus, bei ihren Eltern, am Njoman, an der Memel, dort, wo sie aufgewachsen ist, wo der Himmel sich im Winter stahlblau über eine weisse Weite wölbt, wo die Wölfe nachts aus dem Wald kommen und um das Haus streunen. Dann, im Sommer 2020, begannen die Proteste der Belaruss*innen, die zu Hunderttausenden gegen die Diktatur, die sie so lange geduldet hatten, auf die Strassen gingen. Der Tyrann schlug zurück, liess bis heute Zehntausende festnehmen, zerstörte Organisationen und Initiativen, die sich auch in den Jahren der autoritären Herrschaft in den Nischen einer kontrollierten Freiheit gebildet hatten, trieb Hunderttausende ausser Landes. 2022 begann dann der russische Tyrann seinen grausamen, grossangelegten Krieg gegen die Ukraine und nutzte dafür auch Belarus als Aufmarschgebiet.

Wir, die sowohl mit Belarus als auch mit der Ukraine verbunden sind, haben diesen Horror möglicherweise nicht kommen sehen, aber wir ahnten, dass sich etwas Unaussprechliches anbahnte, das die Koordinaten, in denen man lebte und sich orientierte, erschüttern und niederreissen würde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Alesja im Februar 2014 vor dem Fernseher in unserer Berliner Wohnung sass und weinte und schluchzte, als sie sah, wie man auf dem Maidan in Kyjiv die leblosen Körper forttrug. Junge und ältere Männer abgeknallt wie Vieh von den Beschützern des ukrainischen Tyrannen, der nicht erkennen wollte, dass seine Zeit gekommen war. Dann annektierte der russische Tyrann die Krim und brach einen Krieg in der Ostukraine los, der finstere Vorbote für das, was dann ab dem Vierzundzwanzigsten Februar Zweitausendzweiundzwanzig passierte. Seitdem ist endgültig nichts mehr so, wie es war.

«My chotscham da domu», «Wir wollen zurück nach Hause», sagen all die Belaruss*innen, die nun in Litauen, Polen, Georgien, Deutschland und anderswo leben, im erzwungenen Exil, von dem niemand weiss, wie lange es dauern wird. Das Risiko, auch nur für einen Besuch zurückzukehren, ist zu gross. Niemand will in einem belarussischen Gefängnis landen, wo Menschen gebrochen und zerstört werden. All diese Menschen haben Mütter und Väter, Grosseltern, Verwandte und Freund*innen, die noch in Belarus sind. Von Bekannten hört man, dass der Vater verstorben ist, oder die Grossmutter, während man anderswo ist, dass man sich nicht mehr sehen konnte, bevor der Tod die Aussicht auf eine letzte Begegnung, eine letzte Umarmung, einen letzten Kuss, eine letzte Berührung, ein letztes Wort zunichte machte.

Die Eltern, die Grosseltern werden älter. Krankheiten beschleunigen das Schicksal. Man hält Kontakt über das Internet, man schreibt sich, schickt Fotos, telefoniert im Video-Call. Man beglückwünscht sich zum Geburtstag, wünscht sich alles Gute zum neuen Jahr. Aber was bedeutet dies schon: alles Gute? Die Erinnerungen an das, was Bindungen ausmacht, verblassen über die Zeit. Der Geruch, wenn man das Haus der Eltern betritt. Der Duft des gebratenen Memel-Fisches, den der Vater in Mehl und Öl brät. Der nervöse Blick der Schwiegermutter, wenn man nicht noch zum dritten Mal einen Nachschlag Kartoffeln nimmt. Der frische Wind, der einem in der Frühlingssonne vom Fluss her ins Gesicht bläst und die Glücksgefühle zum Tanzen bringt. Wie viel Zeit bleibt noch, um sich wenigstens noch einmal zu sehen und zu begegnen? Das ist die Frage, die sich Alesja stellt, die wir uns stellen. Jeden Tag.

 

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