Moorhühner abschiessen

29.12.2023Text: MIGMAR DOLMA, Illustration: KATRIN VON NIEDERHÄUSERN

MIGMAR DOLMA

MIGMAR DOLMA ist Gewerkschafterin und WOZ-Kolumnistin. Momentan arbeitet sie an ihrem literarischen Debüt. Sie zitiert gerne Mely Kiyak: «Man soll immerzu erklären. Man will aber lieber erzählen.»

Tenzin sitzt am Computer, als ihre Mutter nach Hause kommt. Sie spielt Moorhuhn. Das Ziel ist es, innert eineinhalb Minuten so viele Moorhühner wie möglich abzuknallen. Wie gewöhnlich trägt die Mutter in der einen Hand eine Einkaufstasche und in der anderen die Post. Sie ist erschöpft, stellt die Tüte auf dem Boden ab und nähert sich Tenzin, die Augen gebannt auf den Monitor. «Was spielst du da?» «Moorhuhn», antwortet Tenzin. Die Mutter legt den Arm auf den Stuhlrücken und schaut ihr beim Spielen zu. Sie kann ihren Blick nicht mehr abwenden, und nach ein paar Minuten sagt sie: «Lass mich auch mal.» Tenzin muss der Mutter nicht viel erklären. Sie zeigt ihr, wie man die Waffe nachlädt. Geschossen wird mit der linken, nachgeladen mit der rechten Maustaste. Beim ersten Spiel erwischt die Mutter kaum fünfzehn Moorhühner. Sie spielt mehrere Male hintereinander, bis sie Tenzin wieder ranlässt. Dann geht sie in die Küche und beginnt zu kochen. In der Küche wird es laut. Bollywood-Musik ertönt, die Mutter singt mit, und die Wohnung riecht schon bald nach ölgebratenen Zwiebeln und Tomaten.

Am Abend legt sich Tenzin ins Bett und starrt an die Decke. Ihre Augen fühlen sich schwer an und fallen langsam zu. Sie ist schon eingeschlafen, als plötzlich Schüsse ertönen. Sie schreckt auf, öffnet die Augen und starrt kurz an die Decke. Die Waffe wird nachgeladen und eine halbe Sekunde später ertönen wieder Schüsse. Laut und schnell nacheinander. Sie steht auf, öffnet die Tür und steht direkt hinter ihrer Mutter. Sie sitzt am Computertisch und erschiesst Hühner. Wie gebannt vom Bildschirm schlägt sie hypnotisiert auf die Maus. Die ganze Wohnung ist dunkel, kein Licht brennt ausser dem grellen Monitor, der das Gesicht der Mutter bestrahlt. Es ist bald Mitternacht. Sie trägt eine Schlabberhose mit pinken Blumenmustern und ein grünes T-Shirt mit dem Schriftzug «Kiss me under a thousand stars». Einen richtigen Pyjama trägt sie nie. Die kleinen Füsse sind zusammengezogen auf dem Bürostuhl, der für sie viel zu klein und niedrig ist, weil er für Kinder gemacht ist. Obwohl es kalt ist in der Wohnung, trägt sie keine Socken. Immer trägt sie in der Wohnung die Füsse nackt und die schwarzen Haare mit einer Klammer nach hinten gebunden. Tenzin dreht sich leise um und schliesst die Tür. In dieser Nacht kann Tenzin lange nicht einschlafen, die Schüsse halten sie wach.

Am nächsten Abend zeigt die Mutter ihrer Tochter den Rekord. Auf Nummer eins der Tabelle ist der Name ihrer Mutter zu lesen. 174 Punkte. 174 Moorhühner in eineinhalb Minuten abgeschossen. Tenzin lacht und staunt. «Wow, nicht schlecht!» Ihre Mutter freut sich und lächelt stolz wie ein Kind.

Einige Tage lang versucht Tenzin den Rekord ihrer Mutter zu brechen. Jeden Nachmittag nach der Schule hat sie genau zwei Stunden Zeit, bevor die Mutter von der Arbeit nach Hause kommt, aber die Mühe ist vergebens. Nachts beweist die Mutter, wer die beste Moorhuhn-Spielerin des Hauses ist. Nach zwei Wochen muss Tenzin das Computerspiel der Stadtbibliothek zurückbringen. Ihre Mutter drängt darauf, das Spiel nochmals auszuleihen.

Alle zwei Wochen lächelt die Bibliothekarin nun schelmisch, wenn Tenzin das Computerspiel an der Theke aus ihrer Tasche auspackt, nur um es gleich wieder auszuleihen. Das Moorhuhnspiel bleibt im Besitz der Familie. Und wenn die Schüsse nachts vor ihrem Zimmer ertönen, schrecken sie Tenzin nicht mehr auf, vielmehr wiegen sie sie in den Schlaf.

 

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