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Sängerinnen-Porträt
«Ich werde jedes Mal stärker»

Laura Buser, 28, kam mitten in einem Tief durch Zufall zum Surprise Strassenchor. Die angehende Gärtnerin geniesst die Lockerheit des gemeinsamen Musizierens. Der gesellschaftliche Leistungsdruck ist ihr manchmal zu viel.

«Manchmal bin ich leise. Wenn mir alles zu viel ist, dann mache ich mich klein und unauffällig und habe fast keine Stimme mehr. Deshalb ist der Surprise-Strassenchor gut für mich: Er stärkt meine Stimme und hilft mir, ein bisschen lauter zu werden, auch im Leben. Ich bin erst vor ein paar Monaten durch Zufall dazugestossen. Ich war an einem Konzert, und einer der Sänger des Chors, der auch als Heftverkäufer arbeitet, erkannte mich als Käuferin des Strassenmagazins. Alle waren sehr sympathisch, und die Chorleiterin drückte mir einen Flyer in die Hand. Seither gehe ich regelmässig in die Proben.

Ich wollte beruflich lange etwas mit Gestaltung machen, doch nach einigen Umwegen bin ich bei einer Lehre zur Staudengärtnerin gelandet: Im Anschluss an die Diplommittelschule habe ich den gestalterischen Vorkurs in Basel absolviert. Das war toll, ich konnte unterschiedliche Dinge lernen und ausprobieren. Danach begann ich, in Luzern Textildesign zu studieren, was sich aber als Enttäuschung herausstellte. Ich war mit dem selbständigen Arbeiten ziemlich überfordert. Dazu kamen psychische Probleme, die immer schlimmer wurden und eine schwere Depression auslösten. Nach einem Aufenthalt in der Tagesklinik Basel ging es mir nach einigen Monaten wieder besser.

Ich habe vor vier Jahren dank eines Praktikums in einer Gemüsegärtnerei im Wiesental gemerkt, wie gut es tut, sich viel zu bewegen und draussen zu arbeiten. Ich entschied mich für diese berufliche Richtung und dachte mir, dass man ja nebenbei immer noch kreativ tätig sein kann. Ich fand eine Ausbildung in der Region und startete vor drei Jahren voller Energie und Wissensdurst ins erste Lehrjahr.

Die Lehre ist spannend, vor allem fachlich lerne ich viel. Aber die menschliche Entwicklung kommt manchmal zu kurz: Man ist ständig am Funktionieren – essen, arbeiten, schlafen. So kam mir mein Leben in den vergangenen Monaten vor, die sozialen Kontakte blieben auf der Strecke. Nach einem Arbeitstag brauche ich zuerst einmal Zeit für mich. Ich mag es, am Abend zuhause Gitarre zu spielen und dazu zu singen. Das gibt mir neue Energie. Aber irgendwann war ich von dem vielen Arbeiten völlig ausgebrannt und hatte auch für meine Hobbys kaum mehr Kraft.

Im Herbst und Winter hatte ich dann ein schlimmes Tief. Ich war immer müde, psychisch und körperlich. Und genau zu diesem Zeitpunkt begann ich mit dem Strassenchor, der mich sehr herzlich aufgenommen hat. Es tat mir gut, wieder andere Leute um mich zu haben, nicht nur die Kollegen vom Geschäft. Die Chorsängerinnen und -sänger stammen aus unterschiedlichen Ländern, und das merkt man zum Teil an ihrem Temperament. Eine Frau nahm mich zum Beispiel einfach in den Arm, obschon ich mit ihr gar nicht über meine Probleme geredet hatte. Es ist schön, diese Herzlichkeit zu spüren und sich aufgehoben zu fühlen. Wir teilen im Strassenchor die Freude an der Musik, auch wenn’s mal ein bisschen schief tönt.

Trotz des Unterbruchs wegen der Krankheit werde ich die Lehre diesen Sommer hoffentlich abschliessen. Das macht mich natürlich ein bisschen stolz. Vor allem finde ich es schön, dass ich mein Leben bald wieder selbst gestalten kann.

In Zukunft möchte ich gerne weiterhin draussen arbeiten. Ich sehne mich aber auch nach einer kreativeren Arbeit, bei der ich selbst etwas auf die Beine stellen kann. Mich interessiert zudem das Thema Landwirtschaft und schonender Ressourcenverbrauch, ich würde gerne zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Oder ich könnte aufs Land ziehen und einen eigenen Garten haben. Zurzeit geht es mir wirklich gut. Alles, was mich über eine lange Zeit hinweg blockiert hat, ist wieder weg und mein Kopf ist klar, voller kreativer Ideen. Wahrscheinlich kommt wieder einmal eine Zeit, in der es mir nicht so gut geht, aber ich werde jedes Mal stärker.

Nur mit dem Leistungsdruck in der Gesellschaft kann ich nicht so gut umgehen, da bin ich manchmal sehr dünnhäutig. Ich glaube, dass ich meinen Platz langsam finde. Und ich lerne, was gut für mich ist und was nicht.»