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Foto: Lucian Hunziker

Sängerinnenporträt
«Ich stehe zu meinem Glauben»

Shireen Aebi-Storey, 67, singt im Surprise Strassenchor und manchmal auch beim Heftverkauf vor dem Warenhaus Pfauen an der Freien Strasse in Basel.

«Den Glauben habe ich von meiner Mutter. Mit 13 habe ich Ja zu Jesus gesagt. Das war noch in Simbabwe. Es war eine strenge Kirche, sehr religiös. Die Frauen durften keinen Schmuck, keine Schminke, keine Hosen tragen. Ich hatte deswegen viele Komplexe. Jetzt bin ich bei der Oikos-Gemeinde in Münchenstein. Das ist eine freie Kirche mit Pfingstglauben. Hier habe ich das erste Mal gehört, dass Jesus nicht das Äusserliche sieht, sondern das Herz. Das war wie eine Erleuchtung. 

Ich versuche zu leben, was in der Bibel steht. Ich stehe morgens um viertel vor zwei auf, von zwei bis sechs Uhr lese ich in der Bibel und bete. Ich bitte den Heiligen Geist, mich zu leiten. 

1971 bin ich mit 22 Jahren durch die Ehe mit einem Schweizer Mann hierher gekommen. 13 Jahre waren wir zusammen. Dann hat er mich verlassen. Seine Eltern wollten mich in die Reformierte Kirche holen. Das habe ich nicht verstanden. Wahrscheinlich hatten sie etwas gegen mich, ich will nicht darüber urteilen. Dann haben sie ihn mit einer jüngeren Frau bekannt gemacht. Mit ihr ist er jetzt verheiratet. Er will keinen Kontakt zu mir und den Kindern. Wir haben drei Kinder. Die Tochter ist 43, der eine Sohn 40 und der Jüngste 38. Ich selbst bin jetzt 67. Mein jüngster Sohn nimmt mir bis heute übel, dass ich damals nach der Scheidung wieder arbeiten gehen musste. Manchmal nennt er mich eine Rabenmutter und kommt doch immer wieder zu mir, wenn er Hilfe braucht. 

Tagsüber habe ich im Altersheim in der Küche gearbeitet, nachts war ich Putzfrau bei einer Bank in Reinach. Dann bin ich in die Wäscherei gewechselt. Aber mir wurde dort weniger gezahlt, als mir versprochen wurde. Danach kam ich über die Kirche zu einer neuen Stelle als Bürohilfe. Das war toll. Doch dann habe ich wegen eines Autounfalls, den mein zweiter Mann verursacht hatte, länger gefehlt und verlor die Stelle. 

Mein zweiter Mann war ein Christ aus der Pfingstkirche. Er leitete einen Gebetskreis, wirkte ehrlich und treu. Aber hat zu viel Alkohol getrunken. Diese Seite habe ich erst nach der Heirat kennengelernt. Eigentlich hat er mich wegen der Sozialhilfe geheiratet. Nach einem Jahr hat er mich verlassen. 

Mein älterer Sohn ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Brugg. Sie haben eine vierjährige Tochter. Seine Frau akzeptiert mich nicht so wegen des Glaubens. Sie halten auch das Enkelkind von mir fern. Mein Sohn kommt zu mir, aber wenn ich ihn anrufe, drückt er mich weg – und ruft dann an, wenn er auf der Arbeit ist. Ich habe nichts dagegen, ich liebe sie beide und das Kind. Aber eigentlich verstehe ich sie nicht. Sie wirft mir vor, dass ich zweimal verheiratet war und wieso meine Ehen nicht gehalten hätten. Und sie sagt, ich hätte missioniert, aber das stimmt nicht. Ich stehe nur zu meinem Glauben. Ich habe nicht viel Geld übrig, das ich meinen Kindern offerieren kann. Aber ich habe sie geboren und ich liebe sie. Und eine Beziehung zu ihnen ist das, was ich tun kann, was ich geben kann. 

Meine Tochter ist sehr lieb und hilfsbereit. Sie ist Kindererzieherin. Ich bin sehr stolz auf sie. Sie hat eine Ehe hinter sich und zwei Kinder. Seit diesem Frühjahr singe ich im Surprise Strassenchor und verkaufe das Magazin. Letzte Woche kam eine Frau zu mir, die immer das Heft kauft, und sie kam mit einer grossen Flasche voller Münz. Sie sagte zu mir: ‹Du bist so eine Bereicherung auf dieser Strasse. Du tanzt und singst und verkaufst und bringst uns alle zum Lächeln. Ich möchte dir dies schenken.› ‹Aber das ist dein Erspartes›, habe ich geantwortet, ‹das kann ich gar nicht annehmen!› ‹Doch, doch, du bist es wert, du hilfst uns, nimm es›, hat sie gesagt. Mir sind die Tränen gekommen, sowas habe ich noch nie erlebt.» 

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 408 des Surprise Strassenmagazins.