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Sängerporträt
«Singen ist wie Medizin für mich»

Im Zuge der Wirtschaftskrise musste der Spanier Angel Luis Fragoso Ayuso sein Computergeschäft schliessen. Weil er in seiner Heimat keine Arbeit mehr fand, beschloss er, in der Schweiz einen Neuanfang zu machen – und landete erst einmal auf der Strasse.

«Ich bin hier, um neu anzufangen. Vor sechs Jahren beschloss ich, meine Heimat Extremadura im Südwesten Spaniens zu verlassen. Es war eine schwierige Entscheidung, denn das bedeutete einen steilen sozialen Abstieg. Doch jetzt gibt es für mich kein Zurück mehr.

Mit 48 bin ich auf dem spanischen Arbeitsmarkt ein alter Mann, und mit der Wirtschaftskrise ist es sehr, sehr schwer geworden, eine Arbeit zu finden. Ich hatte 20 Jahre lang mein eigenes Computergeschäft, als die Krise kam, musste ich es schliessen. Um das Geschäft zu eröffnen, hatte ich damals mein Geschichtsstudium abgebrochen. Das war eine schlechte Entscheidung. Wenn sich meine Situation eines Tages verbes- sert, will ich mein Studium beenden. Ich muss es tun, für meine seelische Gesundheit. Ja: Ich werde es tun!

Doch hier eine Arbeit zu finden ist schwieriger, als ich dachte. Ich spreche Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch, ich habe zehn Jahre als Gärtner gearbeitet und auch Arbeitserfahrung in der Montage und als Bauer. Bevor ich mich entschieden habe, hierher zu kommen, habe ich in Spanien mit Leuten gesprochen, die viele Jahre in der Schweiz gearbeitet haben. Doch die Situation hat sich geändert, auch mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative.

Und die Schweiz ist noch teurer, als ich dachte. Ich bin mit meinen ganzen Ersparnissen hierher gekommen, aber es hat nirgendwohin gereicht. So fand ich mich eines Tages auf der Strasse wieder. Dieses Leben habe ich vorher nicht gekannt. Aber die Erfahrung hat mich stark gemacht. Ich bin ein Mensch mit einem starken Willen, ich denke immer positiv. Ich bin hier für einen Neuanfang – und das funktioniert nicht mit negativem Denken.

Das Leben auf der Strasse hat mich gelehrt, die einfachen Dinge zu schätzen: Einen Kaffee zu trinken und ein Gespräch zu führen ist zum Beispiel ein besonderer, wichtiger Moment für mich geworden. Als ich das erste Mal in Bern am Bahnhof übernachtete, griffen mich fünf betrunkene oder unter Drogen stehende Männer an, ich musste fliehen. Danach war mir klar, dass es so nicht weitergehen kann. Ich ging weiter nach Basel, und hier fand ich Leute, die mich an der Hand nahmen. Bei der spanischen katholischen Mission sagten sie mir, wo ich essen und schlafen kann. Und auch bei Surprise fand ich Leute, die mir Mut gemacht haben und mich unterstützen.

Das Verkaufen des Magazins fällt mir allerdings schwer. Die Leute schauen mich oft mit finsteren oder abschätzigen Blicken an, das bin ich mir nicht gewohnt. Aber ich liebe es, im Strassenchor von Surprise zu singen! Ich freue mich die ganze Woche auf die Chorprobe am Dienstagabend, wir haben viel Spass zusammen. Singen ist wie Medizin für mich – so lautet der Titel eines unserer Lieder, und so ist es für mich. Auch bei den Proben für das neue Surprise-Theaterstück bin ich dabei. Ein Chormitglied hat mir sogar ein Zimmer in seiner Wohnung angeboten. Ich habe dankend angenommen: Dies ist ein weiterer Schritt nach vorne für mich, ich bin sehr glücklich dort.

Die Schweiz ist ein fantastisches Land. Es ist nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber hier gibt es Möglichkeiten. Vieles ist anders als in Spanien: Das Volk kontrolliert die Regierung und nicht umgekehrt, man liest nicht täglich von neuen Korruptionsfällen. Die Leute in der Schweiz sind gut erzogen und sie halten sich an die Gesetze. Wenn Schweizer den Bus nehmen, kaufen sie ein Billett, obwohl meistens kein Kontrolleur kommt. Das finde ich fantastisch.

Ich mag die Gesellschaft in der Schweiz. Ich hoffe, dass ich ein Teil davon werden kann. Nein: Ich bin sicher, dass es klappen wird!»