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Sänger-Porträt
«Sprung ins kalte Wasser»

Claudio Bucher (30) singt seit einem halben Jahr im Surprise Strassenchor mit. Der sonst eher zurückhaltende Logistiker aus Aesch liess sich spontan auf etwas Neues ein. Und wurde nicht enttäuscht

«Das Singen begleitet mich schon immer, seit ich klein war. Meine Schwester und ich gingen zusammen in den Kinderchor in Liestal, und seither blieb die Musik immer irgendwie ein grosser Teil von mir. Dabei würde ich mich nicht einmal als besonders musikalisch beschreiben. Ich spiele kein Instrument und hatte auch nie Gesangsstunden zur Stimmbildung oder ähnliches. Ehrlich gesagt, reizte mich das auch nie. Ich wollte einfach nur singen. Es ist für mich etwas sehr Emotionales, Ausdruck von Freude sowie Therapie zugleich. Wenn es mir gut geht, dann singe ich, um das zu zeigen, und wenn es mir schlecht geht, dann singe ich auch, und schon es geht mir wieder besser.

Letzten Sommer bin ich dann durch Zufall auf den Surprise Strassenchor gestossen oder besser gesagt, der Chor stiess auf mich. Zur Pensionierung meiner Mutter veranstaltete meine Familie ein Fest, es wurde viel gesungen und getanzt. Ich habe wie immer mit Begeisterung eingestimmt. Einer Freundin meiner Mutter gefiel mein Gesang und Elan so gut, dass sie kurz darauf Chorleiterin Ariane Rufino dos Santos von mir erzählte. Ariane leitet den Surprise Strassenchor seit 2011. Über meine Mutter liess sie mir ausrichten, ich solle doch einfach einmal vorbeikommen. Entgegen meines eher schüchternen Wesens habe ich das dann auch getan. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, der sich aber gelohnt hat.

Ich wurde herzlich aufgenommen, sowieso gehen alle immer sehr freundschaftlich miteinander um. Das war für mich nicht selbstverständlich, immerhin kommen viele Teilnehmer aus einem wenig privilegierten Umfeld. Trotzdem ist die Stimmung eigentlich immer gut, ja ausgelassen sogar. Natürlich gibt es vereinzelt Konflikte, wo es dann auch einmal laut wird. Am Anfang bin ich erschrocken, weil ich es nicht gewohnt bin, wenn ein Problem öffentlich und lautstark ausdiskutiert wird. An den Reaktionen der anderen habe ich allerdings schnell gemerkt, dass dies noch lange kein Grund zur Beunruhigung ist. Schon beim nächsten Lied war alles wieder vergessen. Wir haben Leute aus der Schweiz, aus dem Balkan, aus Afrika, ja sogar Kambodscha. Missverständnisse können halt auftreten, wenn man so viele verschiedene Kulturen vereint. Viel wichtiger ist, dass man gemeinsam versucht, die Probleme zu lösen.

So vielseitig wie die Teilnehmer ist auch die Auswahl an Stücken, die wir singen. Ich glaube von den zehn Liedern, die wir für den letzten Auftritt geprobt haben, war ein einziges auf Deutsch. Mir gefällt das, Musik in einer anderen Sprache kann ungleich mehr befreiend oder ausdrucksstark sein, weil man selber mehr hineininterpretieren kann. Apropos interpretieren: In einem Workshop haben wir zusammen sogar ein eigenes Lied geschrieben und komponiert. Wir nennen es liebevoll das ‹Surprise-Strassenchor-Lied› und singen es seit jeher fast jedes Mal zum Aufwärmen und manchmal auch an einem Auftritt.

Ich finde es nach wie vor erstaunlich, wie viele Auftritte wir haben. In dem halben Jahr jetzt waren es sicher zehn oder mehr. Beim ersten Mal war ich super nervös. Aber als wir angefangen haben zu singen und ich an den Reaktionen der Zuhörer sah, dass es ihnen gefiel, fühlte ich mich sehr schnell viel besser.

Es war dann wie eine Chorprobe, nur intensiver, besser. Meine schönste Erinnerung mit dem Chor ist aber unser Sommerausflug aufs Rütli. Es hat in Strömen geregnet, aber das störte nicht wirklich irgend jemanden. Wir haben auf der Wiese gepicknickt, ich habe mit den Kindern Fussball gespielt, und natürlich wurde viel gesungen. Ja, ich gehe wirklich sehr gerne in den Chor. Ich denke auch nicht, dass sich das in naher Zukunft ändert.»