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Das Surprise National-Team für den Homeless World Cup 2018 in Mexico-City. Foto: Roland Schmid

Strassenfussball
Einmal im Leben mittendrin

In Mexiko ist am 18. November der Homeless World Cup 2018 zu Ende gegangen. Wir haben die Spieler unserer Nationalmannschaft gefragt, was sich durch die Teilnahme am HWC für sie verändert hat.

Andreas Bloch
Andreas, du sagtest vor der Abreise, du wärst vor 20 Jahren nicht in der Lage gewesen, Fussball zu spielen und an eine Weltmeisterschaft zu reisen. Warum?
Ich habe vor fünf Jahren aufgehört, Drogen zu konsumieren. Jetzt lebe ich wieder. Ich hatte damals eine Art braune Sauce über meine Gefühle gelegt, das habe ich hinter mir gelassen. Jetzt spüre ich mich wieder, und ich fühle mich lebendig. Früher hätte ich nicht regelmässig Fussball spielen können, weil ich ständig diesem Gift nachgerannt bin.

Hast du neue Leute getroffen, neue Beziehungen knüpfen können?
Ich habe einen Holländer kennengelernt, mit dem ich lange reden konnte. Ich habe aber auch in meinem Team sehr tolle Menschen kennengelernt. Ich habe mich sogar mit einem Zürcher solidarisiert (lacht). Hier sind die Menschen sehr offen und alle sind lieb zu mir. Ich habe sonst Mühe mit Nähe und Vertrauen und knüpfe nicht so schnell neue Kontakte.

Was nimmst du sonst noch mit von dieser Weltmeisterschaft?
Sie hat mich verändert. Ich stehe hier im Hotel am Morgen auf und höre türkische Folklore, weil mein Zimmerpartner Mehmet sie abspielt. Früher hielt ich Distanz zu Fremdem, heute gehe ich anders darauf zu. Das finde ich gut. Ich muss aufpassen, dass ich mir nicht zu viel Druck mache und zu viel von mir selber erwarte. Wenn dann etwas nicht klappt, bin ich meistens enttäuscht und wütend. Hier lerne ich, damit umzugehen, und das will ich auch in die Schweiz mitnehmen.

Mehmet Bozbiyik
Mehmet, du hast schon früher jahrelang Fussball gespielt. Was macht das Strassenfussball-Erlebnis so besonders im Vergleich zum sonstigen Fussball?
Strassenfussball ist ganz anders. Etwas Neues. Etwas, das mir sehr Spass macht. Im Team unterscheidet es sich nicht gross, aber sportlich ist es anders. Strassenfussball ist viel schneller und intensiver. Mit den Banden bleibt der Ball immer im Spiel. 

Was hat dich am HWC beeindruckt?
Die Qualität der Gegner ist sehr stark. Jedes Land spielt anders. Hier ist das Spiel noch viel schneller und intensiver. Es ist toll, die anderen Teams kennenzulernen. Ich habe die südafrikanische Mannschaft kennengelernt. Wir sind im gleichen Hotel, sehen uns daher oft und machen dabei immer Scherze. Ihr Torwart kam schon am ersten Tag zu mir und wollte mit mir das Trikot tauschen. Das hat mich sehr gefreut. Aber ich habe ihm gesagt, dass wir das erst am letzten Tag machen können, da ich es noch brauche.

Was nimmst du von der Weltmeisterschaft mit nach Hause?
Ich werde diese Erfahrung immer für mich bewahren. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und hatte bereits viele Verletzungen. Ich denke, meine Karriere geht nach dieser WM dem Ende zu. Falls sie danach wirklich zu Ende ist, konnte ich sie immerhin mit einem absoluten Highlight beenden. Das wäre ein sehr schönes Ende! Ich werde mir auch einen Ordner zulegen, in dem ich die besten Fotos und Erinnerungen aufbewahren werde.

Alaa Amoka
Alaa, worum ging es dir beim HWC: um das sportliche Zusammenspiel, die fussballerische Leistung oder das Gefühl von Freundschaft?
Für mich gehört das alles zusammen. Ohne Freundschaft und ohne Freude am Spiel können wir als Team keine gute fussballerische Leistung auf den Platz bringen. Wenn die Stimmung in der Mannschaft nicht stimmt, kann man sich auch nicht auf seine Leistung konzentrieren.

Am HWC bist du einer von sieben Spielern aus der Schweiz, die hier sein dürfen. Kitzelt das nicht auch das Ego des Teamplayers, den persönlichen Stolz?
Natürlich ist man stolz darauf, bei so einer Veranstaltung dabei zu sein und im Rampenlicht zu stehen. Aber wie wir beim Surprise Strassenfussball gelernt haben: Es ist mehr als ein Spiel, es geht darum, Spass und Freude mit meinen Mitmenschen zu erleben.

Nun ist der Homeless World Cup fast vorbei. Hast du schon neue Ziele?
Mein Ziel habe ich bereits erreicht. Ich konnte eine Reise auf einen anderen Kontinent machen, viele neue Menschen kennenlernen und Teil dieses HWC sein. Ich werde das nie vergessen und bin unendlich dankbar, diese Chance bekommen zu haben.

Kevin K. Frimpong
Kevin, du hast schon an einigen Surprise- Turnieren Erfahrung sammeln können. Waren das vor allem sportliche oder menschliche Erfahrungen?
Für mich ist beides sehr wichtig. Ich lerne viele neue Menschen kennen und erlebe tolle sportliche Momente. Ich habe auch in den Trainings für die Nati sehr viel gelernt, konnte mich weiterentwickeln und das auch in den Turnieren anwenden.

Was kommt am HWC für dich neu dazu?
Ich lerne auch hier unglaublich viele spannende Menschen kennen. Zum Beispiel die südafrikanische Nationalmannschaft, die bei uns im Hotel wohnt. Und ich habe mich selbst besser kennengelernt. Normalerweise bin ich sehr frustriert, wenn es auf dem Platz nicht so läuft, wie ich es mir wünsche. Das habe ich hier auch erlebt und konnte daran arbeiten, auch dank meiner Teamkollegen. Dass sich hier so viele Teams versammeln, finde ich unglaublich. Die Eröffnungsparade fand ich unglaublich. So viele Nationen, die zusammen zu den Fussballplätzen pilgern, das ist einzigartig.

Du konntest nun an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. Dein Fazit?
Wenn ich wieder zurück bin, will ich wieder mit 11er-Fussball anfangen. Aber ich werde auch meinem Surprise-Liga-Team Glattwägs United treu bleiben und weiterhin Streetsoccer spielen. Diese Erfahrungen hier nehme ich mit in die Schweiz und werde sie in meinem Herzen behalten.

Mussie Teklehaymanot
Mussie, du schätzt am Strassenfussball, dass sich dort Menschen treffen, die sich sonst nicht treffen würden, sagst du. Was war dein schönstes Erlebnis am HWC?
Es war schön, viele Menschen kennenzulernen und Freundschaften zu schliessen. Es war eine grosse Fussballparty, das hat mir sehr gefallen.

Was war die Weltmeisterschaft für dich: Spass, Stolz oder Stress?
Definitiv Spass! Es war schön, mit den anderen Nationen Zeit zu verbringen. Wir haben viel Musik gehört und Neues gelernt.

Der Homeless World Cup ist fast zu Ende. Was kommt jetzt?
Wenn ich in der Schweiz bin, will ich weiterhin Strassenfussball spielen. Ich werde dieses Erlebnis nie vergessen.

Cedric "Jelmo" Jelmini
Cedric, du hast dich auf die Einigkeit und den Freundschaftsgeist am HWC gefreut. Gab es auch weniger erfreuliche Szenen?
Mexiko-City ist eine wunderschöne Stadt, aber die Schere zwischen Arm und Reich ist sehr gross, und das spürt man. Die sozialen Unterschiede fallen mir auf. Den Freundschaftsgeist unter uns habe ich aber tatsächlich gespürt. Am meisten schon im Trainingslager. Bei den gemeinsamen Abendessen habe ich die Einigkeit unserer Mannschaft stark gefühlt.

Du hast dich auch auf die Reise nach Mexiko gefreut.
Ja, das war einmalig. Ich bin noch nie so weit gereist.

Du hast in Mexiko an einer Weltmeisterschaft mitgespielt. Was hat das mit dir gemacht?
Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Wenn ich zurück in der Schweiz bin, brauche ich neue Herausforderungen. Mein erstes Ziel ist es, zu heiraten. Auch will ich mich stärker in der Politik engagieren und weiterhin bei meinem Verein Azatlaf Tessin in der Surprise Strassenfussball Liga mitspielen. Auch sonst werde ich mir neue Verantwortlichkeiten suchen.

Mehari Ghebrit
Ghebrit, du hast gesagt, dir ist es wichtig, ein gutes Resultat zu erzielen. Nun seid ihr auf Rang 26 gelandet. Bist du zufrieden?
Ich bin auch so einfach stolz, dass ich Teil dieses Teams bin.

Was war für dich das Wichtigste an dieser Weltmeisterschaft?
Die Schweiz hat sehr viel für mich getan, und ich möchte das auch irgendwie zurückgeben, so gut ich kann. Ich bin immer bereit, alles zu geben.

Du hast nun eine Weltmeisterschaft hinter dir. Was nimmst du mit in deine Zukunft?
Ich will mein Leben in der Schweiz weiter aufbauen, und ich bin froh, dass ich hier leben darf. Ich habe ab 2019 ein Praktikum als Sanitärinstallateur und bin hochmotiviert, es erfolgreich anzugehen.

Nationalmannschaft 2018