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Surprise-Krimi
Folge 27: Der Niedergang der Comartec

Was bisher geschah: Bei den Ermittlungen im Fall eines ermordeten Joggers nahe ihres Wohnortes erfährt Vera Brandstetter von einer Firmenübernahme, über die eine langjährige Mitarbeiterin nur privat sprechen möchte.

Frau Hoffmann nahm es Kommissarin Brandstetter nicht übel, dass sie 20 Minuten zu spät an der Tür schellte, und bat sie in die kleine Zweizimmerwohnung.

«Das ist mein Refugium, ich wohne in Zwillikon draussen, das ist mir zu weit zum Pendeln. Mein Mann kommt unter der Woche gut ohne mich zurecht. Wir führen eine Art regionale Fernbeziehung.» Erika Hoffmann führte sie zum Esstisch, auf dem eine Flasche Weisswein und zwei Gläser standen.

«Das geht mir ähnlich», lächelte Brandstetter und setzte sich. «Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon für die Comartec?»

«Exakt 30 Jahre. Am zehnten des vergangenen Monats war mein Jubiläum. Meinen Sie, das wäre irgendwie gefeiert oder auch nur erwähnt worden?»

Hoffmann füllte die Gläser und sie stiessen an.

«Martin Conrad, der alte Patron, hätte mir einen Blumenstrauss mit einem Umschlag auf den Tisch gestellt. Der kannte die Geburtstage und Jubiläen seiner engeren Mitarbeiter. Er war keiner, der ständig lobte, aber hin und wieder so eine Geste, das ist eigentlich alles, was es braucht. Wissen Sie, wenn es sein musste, bin ich bis morgens um zwei Uhr im Büro geblieben. Am nächsten Tag sass ich um Punkt sieben an meinem Platz. Mein Mann hat zum Glück immer Verständnis gehabt. Ich bin es, die den Lohn heimbringt. Er ist eben ein Träumer, und wissen Sie was? Auch die braucht es.» Sie nahm einen Schluck Wein. Brandstetter hatte an ihrem nur zum Anstossen genippt.

«Der Firmengründer ist relativ jung verstorben?» Das hatte sie auf der Homepage gelesen.

«Leider. Mit dem Junior ist dann alles anders geworden. Da war ich bereits über 20 Jahre im Betrieb und vielleicht war es ihm peinlich, dass ich ihn schon als Pfüderi im Büro des Vaters habe spielen sehen. Dass ich ihn getröstet habe, wenn er weinte, weil der Papi keine Zeit für ihn hatte. Der Patron hat mir manchmal auch seine Sorgen mit dem Buben gebeichtet. Er hätte den jüngeren Sohn und sogar die Tochter als Nachfolger vorgezogen, aber die wollten nicht.» Sie schüttelte den Kopf. «Ich organisiere die Reisen, Flüge und Hotels. Der Sohn brauchte öfters ein zweites Ticket oder ein Doppelzimmer, es gab ein Appartement in der Stadt, das übers Geschäft angemietet wurde. Bei seinem Vater wäre das nicht denkbar gewesen. Es geht mich auch nichts an, aber wenn seine Frau mich anrief, die ich natürlich kannte, weil sie ab und zu im Büro vorbeikam, erst mit der kleinen Tochter und dann noch mit dem Bébé, und fragte, wo er war und ich sie anlügen musste, er sei in London aufgehalten worden, obwohl ich wusste, dass er bei seinem Gspusi war, das ging mir gegen den Strich.»

«Warum hat der Junior die Firma verkauft?»

«Weil er sie zugrunde gerichtet hat. Es lief immer schlechter, und die einzigen Massnahmen, die er ergriff, waren Entlassungen. Ich wusste oft als Einzige, was läuft. Das war nicht schön, wenn mir die Kollegin in der Kantine von ihrer neuen Wohnung erzählte und von der Einrichtung, die ein bisschen zu teuer war, und ich wusste, dass ihre Abteilung Ende Monat aufgelöst würde. Gar nicht schön war das, aber ich bin immer aufs Maul gehockt. Seit der Übernahme ist noch einmal alles anders. Noch zwei Jahre, dann lass ich mich frühpensionieren. Der neue CEO braucht mich noch, weil er keine Ahnung hat, wie der Laden läuft. Er ist Kanadier. Seine Methoden sind, sagen wir mal, ziemlich unorthodox.»

«Inwiefern?»

Erika Hoffmann trank ihr Glas aus und wiegte den Kopf.

«Es wäre besser, wenn Sie ihn das selber fragen», sagte sie.

Brandstetter erzählte ihr von Schwanders radikalen Ansichten. Hoffmann war erstaunt, er hatte sich bei der Arbeit nie etwas anmerken lassen.

Gegen halb zehn Uhr fuhr Brandstetter nach Hause. In ihrer Wohnung trank sie ein Bier, ein Indian Pale Ale einer Schweizer Kleinbrauerei, das ihr Thorsten geschenkt hatte, und dachte über Schwander nach. Die Übernahme der Comartec und sein Rückzug aus den sozialen Medien lagen zeitlich nah beieinander. Hatte er Angst gehabt, die neue Firma würde ihn aufgrund seiner Ansichten entlassen? Sie kam nicht weiter, goss den Rest des Biers in den Abguss und ging schlafen.