Skip to main content
Surprise-Krimi
Folge 28: Feindliche Übernahme

Was bisher geschah: Vera Brandstetter versucht herauszufinden, was sich in der Firma des Mordopfers geändert hat, seit diese Teil eines internationalen Konzerns wurde.

Am nächsten Tag fuhr Brandstetter zur Comartec und liess sich bei Albert Kauer melden. Sie wollte sich mit ihm über Schwanders radikale Ansichten unterhalten. Er holte sie am Empfang ab und brachte sie in sein Büro. Auf dem Schreibtisch stand ein Foto, auf dem er ein ausgeleiertes, grünblau gestreiftes Poloshirt trug und 20 Jahre jünger aussah: das Haar war voller, dunkelblond, zerzaust. Auf seinem Arm ein Mädchen von etwa sechs Jahren mit langen braunen Haaren, sie strahlte und umschlang seinen Hals. Vorne rechts ein elfjähriger Bub im Leibchen des lokalen Fussballvereins, ungeduldig grinsend, weil er lieber tschutten wollte, anstatt für das Bild zu posieren. Links neben Kauer eine dezent geschminkte Frau mit goldblonden, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren. Ihre gepflegten, beringten Hände ruhten auf den Schultern eines schelmisch dreinschauenden Dreizehnjährigen, dessen blonde Locken ein wenig zu lang waren, als hätte er den Coiffeurbesuch erfolgreich Woche um Woche verschoben. Im Hintergrund ein saftig grüner Rasen, ein überdachter Sitzplatz, eine Hausmauer.

«Ein schönes Bild», sagte Brandstetter, die es ein wenig zu lange angeschaut hatte.

Kauer nahm es behutsam in die Hand, als sei es ein Wertgegenstand.

«Es wurde vor zehn Jahren aufgenommen, aber es kommt mir vor, als stamme es aus einer anderen Zeit. Ein paar Wochen später ist der Patron gestorben. Das war ein guter Mensch, wissen Sie. Ganz bescheiden. Er ass immer in der Kantine. Wie alle anderen stand er an, ging zu irgendeinem Tisch und fragte: Isch da na frei? Mal setzte er sich zu den Ingenieuren, mal zu den Drehern, mal zu den Buchhaltern, mal zu den Hilfsarbeitern vom Balkan. Jedes Jahr gab es draussen vor dem Haupteingang ein Foto mit allen Mitarbeitern, und der Patron war immer stolz, wenn es mehr geworden waren. Das alles änderte mit dem Junior. Der liess sich nie in der Kantine blicken. Er liess sich überhaupt kaum blicken, nur am Lamborghini auf dem Parkplatz sah man, dass er da war. Er kam und ging so, dass man ihn nicht zu Gesicht bekam, ein Phantom war das. Kaum hatte er übernommen, brach die Finanzkrise aus, das war eine schwierige Situation, da hätte ich auch nicht in seiner Haut stecken wollen.» Kauer stellte das Bild wieder auf den Tisch. «Nun hoffen wir einfach alle, dass es mit dem neuen CEO wieder bergauf geht.»

«Wie ist Schwander mit den Veränderungen umgegangen?»

«Sie haben ihm nicht gepasst. Er hat sie als Ausverkauf der Heimat bezeichnet.»

«Wussten Sie, dass er ein glühender Antisemit war?»

Kauer wiegte den Kopf. «Nein, nicht so richtig.»

«Was soll das heissen?»

«Er hat mir erzählt, dass der Verkauf unseres Unternehmens von einem Hedge-Fonds orchestriert worden sei. Sechs der neun Partner hätten jüdische Namen. Er hat eine Dokumentation dazu erstellt. Wenn Sie wollen, leite ich sie Ihnen weiter.»

Brandstetter reichte ihm ihre Visitenkarte mit der Mailadresse.

«Damit wollte er beweisen, dass die Juden unsere Industrie aufkaufen und kaputtmachen würden», erklärte Kauer.

«Glauben Sie das auch?»

«Es lässt sich nicht bestreiten, dass viele Schweizer Industrieperlen inzwischen ausländische Besitzer haben. Die amerikanischen Methoden setzen sich auch bei uns durch, die sind knallhart. Aber warum sollten die Juden eine florierende Industrie in ihren Besitz bringen und sie dann zugrunde richten? Das ergibt keinen Sinn. In unserem Fall war es eindeutig der Junior, der das Unternehmen kaputtgemacht hat.»

«Hat Schwander die Präsentation im Betrieb verbreitet und versucht, Stimmung gegen die neuen Besitzer zu machen?»

«Davon weiss ich nichts, und es würde auch nicht zu ihm passen. Wie gesagt, Reto war ein stiller Einzelgänger. Es hat mich schon gewundert, dass er sie mir gezeigt hat. Irgendwie hat es ihn wohl gejuckt, er musste sein Wissen loswerden, um mir zu zeigen, dass ich ein Schaf sei, das keine Ahnung habe, wie die Welt funktioniert.»

«Wie würden Sie die Stimmung im Betrieb beschreiben?»

«Besch ..., äh, bedrückt, alle wären froh, wenn wieder etwas Ruhe einkehren würde.»

Brandstetter bedankte sich und verliess die Comartec.