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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 29: Die Problemzone

Was bisher geschah: Um die Firmenkultur des Unternehmens, in dem der ermordete Reto Schwander gearbeitet hatte, stand es nicht zum Besten, wie Vera Brandstetter herausfindet. Nicht nur, weil einige Mitarbeitende eine Verschwörung witterten.

Im Büro startete Brandstetter den Computer und öffnete die Präsentation, die das Mordopfer erstellt hatte. Logos und Organigramme der Palladium Inc. sowie eines Hedgefonds erschienen. Auf einer nächsten Folie standen die jeweiligen Besitzer, neben einigen der Namen prangte ein sechszackiger gelber Stern. Die Verbindungen der Personen untereinander und zu verschiedenen Finanzhäusern – etwa Goldman Sachs – waren mit bunten Pfeilen dargestellt. Die Struktur der Palladium Holding umfasste mehrere Folien, ihr Anteil an der Comartec belief sich auf 56 Prozent. Der neue CEO hiess Leon Bloom. Brandstetter googelte ihn und fand ziemlich schnell heraus, dass er kein Jude war. Schwander hatte ihn in seiner Dokumentation als solchen gekennzeichnet. Sie wollte die Sekretärin anrufen, um einen Termin mit Bloom zu vereinbaren, aber die war bereits ausser Haus.

Also wählte sie die Nummer des Elite-Fit, um ein Probetraining zu vereinbaren.

«Welche Zeit passt dir am besten?», fragte die Frau, die sich als Selma vorgestellt hatte.

«Ich bin recht flexibel, aber ich habe eine Bitte, ich würde gerne von Chris betreut werden. Er ist mir empfohlen worden.»

«Ach ja, von wem denn?», ein Quäntchen Gift schlich sich in die süsse Melodie des professionellen Verkaufsgesprächs.

«Von der Kollegin einer Kollegin.»

Die Frau seufzte und Brandstetter war sicher, dass sie die Augen rollte. «Ich schau mal, was sich machen lässt.» Die Computertastatur klickte.

«Hm, warte mal, oh, wie wäre es morgen, ich hätte um zehn Uhr noch einen Slot mit Chris. Die Einführung dauert rund eine Stunde.»

«Das passt», bedankte sich Brandstetter. Um die Zeit würde sie Olena nicht über den Weg laufen.

Sie fuhr im Feierabendverkehr nach Hause. Dort suchte sie ihre Sportsachen zusammen, die tief unten im Schrank lagen. Sie packte eine ausgeleierte Trainerhose und ein schlabbriges T-Shirt ein

Am Morgen, bevor sie losging, stopfte sie auch noch ein Paar Leggins und ein Tanktop in die Tasche. Chris stand am Empfang, als sie am nächsten Morgen kurz vor zehn Uhr das Elite-Fit betrat. Sein Händedruck war kräftig, er schien sich nicht an die Begegnung im Treppenhaus zu erinnern. In der Garderobe zog sie nach kurzem Zögern die Leggins und das Tanktop an.

«Lass uns zuerst deine Trainingsziele analysieren.» Chris wies auf eines der Tischchen, das neben dem Empfang in einer Art Aufenthaltszone stand. Zwei Automaten mit isotonischen Getränken und Fitnessriegeln bildeten das Gastronomieangebot.

«Die Problemzonen machen bei dir ja wenig Probleme», grinste er, nachdem er sie unverhohlen von oben bis unten gemustert hatte. Das galt hier wohl als Kompliment. Man zeigt, was man hat, schliesslich arbeitet man hart dafür. Neid muss man verdienen, Mitleid gibt’s gratis, die Richtung, dachte Brandstetter. So gesehen war sie eine Betrügerin, sie hatte seit Monaten keinen Sport mehr getrieben, dabei war sie lange Zeit geradezu fanatisch gewesen.

Mit 13 hatte sie mit Karate begonnen. Eine klassische Variante, bei der die Grundtechniken immer und immer wieder geübt wurden. Bald ging sie dreimal in der Woche hin. Am besten gefiel ihr das Kampftraining. Sie wurde besser, fuhr am Wochenende frühmorgens zu Turnieren, in Mehrzweckhallen weit draussen auf dem Land. Sie gewann oft, aber nicht immer. Sie war keine gute Verliererin. Sie trainierte sich durch ihre Pubertät, die Probleme mit den Eltern, die verwirrenden Gefühle, das Interesse am anderen Geschlecht. Für nichts davon liess sie sich Zeit. Mit achtzehn war sie Junioren-Europameisterin. Mit neunzehn verletzte sie sich und musste aufhören. Seither hatte sie verschiedene Sportarten ausprobiert, aber keine mit derselben Leidenschaft ausgeführt. Zuletzt war sie ins Fit-Boxen gegangen, bei der Polizei absolvierte sie regelmässig ein Nahkampftraining.

«Ich will nicht einrosten», antwortete sie auf die Frage nach ihrem Ziel. «Das kann ich mir in meinem Job nicht leisten.»

«Was arbeitest du denn?», fragte Chris, der ihr Personalblatt, im Gegensatz zu ihrem Hintern, offenbar nicht allzu genau studiert hatte.

«Ich bin Kriminalpolizistin.»

«Oh.» Er wich unwillkürlich zurück.