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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 30: Coach cool

Was bisher geschah: Ihre Ermittlungen im Fall eines ermordeten Joggers führen Vera Brandstetter ins Fitnesscenter. Der heisse Coach kühlt deutlich ab, als er ihren Beruf erfährt.

«Was heisst hier ‹oh›?», fragte Brandstetter.

«Nichts. Du siehst einfach nicht aus wie eine Polizistin.»

Bevor sie fragen konnte, wie Polizistinnen denn aussähen, brachte er sie zu den Geräten hinüber.

«Fangen wir mit der Beinpresse an.»

Befriedigt stellte sie fest, dass sie noch immer ziemlich Saft hatte. Genug, um Chris ein anerkennendes Raunen zu entlocken. Sein professioneller Charme hatte allerdings einen Dämpfer erlitten, seit er wusste, dass sie bei der Polizei war.

«Bist du über meinen Beruf erschrocken, weil du eine Affäre mit der Frau hast, deren Ehemann ermordet wurde?», fragte sie, während sie in einer Maschine sass, in der sie die Beine spreizen und mit Krafteinsatz zusammendrücken musste.

Chris schaute sich nervös um. Die meisten Leute, die an Maschinen trainierten, trugen Kopfhörer.

«Ich rede von Olena Schwander-Rudenko», half sie ihm auf die Sprünge.

«Ist das hier ein Probetraining oder ein Verhör?»

«Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Oder willst du lieber auf den Posten kommen?»

«Ich habe nichts mit seinem Tod zu tun.»

«Seit wann läuft die Affäre?»

«Drei Monate ungefähr. Es war keine Affäre, es ging nur um Sex. Sie hätte ihren Mann nie verlassen. Nur weil er sie seit einem halben Jahr nicht mehr angefasst hat, hat sie sich einen Liebhaber genommen. Wir gingen meist zu mir. Im Bett war sie ...»

«Das will ich nicht wissen», unterbrach ihn Brandstetter und beendete die Übung. «Wie alt bist du?»

«28, warum?»

«Nur so.» Wie hiessen in den Serien die Frauen mit den jüngeren Liebhabern? Cougars oder so etwas.

«Hat sie gesagt, warum ihr Mann nicht mehr mit ihr schläft?»

«Sie hat ein paar Andeutungen gemacht, Stress bei der Arbeit und so was. Sie hätte die Sache mit mir sofort abgebrochen, wenn er wieder aktiv geworden wäre.»

«Wie geht es jetzt weiter mit euch?»

«Gar nicht. Ich habe Schluss gemacht.»

«Wieso das?»

«Sie ist nicht mehr gebunden. Ich möchte nicht, dass sie sich falsche Hoffnungen macht. Es ist ja nicht so, dass wir exklusiv waren, und eine Beziehung stand für mich nie zur Debatte.»

«Du hast sie eiskalt abserviert, als es ihr schlecht ging?»

«Ja, sorry, ich musste. Letztes Mal als wir uns trafen, hat sie mir die Ohren vollgeheult und wollte bei mir übernachten. Ich meine, hallo? Das war nie Part of the deal.» Er sah auf die Uhr, es war zehn vor elf Uhr.

«Wenn du Mitglied werden wirst, stelle ich dir ein Programm zusammen. Wegen der Mitgliedschaft wendest du dich an Bianca.»

Er brachte sie zum Tresen und verabschiedete sich kühl. Sie sah ihm nach, wie er sein strahlendes Lächeln wieder einschaltete, als er einer Brünetten zu Hilfe eilte, die auf dem Rücken unter einer Hantel lag.

«Na, wie war es?», fragte Bianca und zog, ehe Brandstetter antworten konnte, ein Anmeldeformular hervor.

«Wir hätten da ein Superangebot, die ersten zwei Monate kriegst du beim Abschluss eines Jahresabos geschenkt, dazu noch die zehn Prozent, das heisst ...» Sie strahlte, als hätte sie eines der grossen Probleme der Menschheit gelöst. «Für rund 100 Franken im Monat bist du dabei! 14 Monate 1450 Franken, das ist doch super.»

«Also gut.» Brandstetter gefiel es hier besser als bei der Fitnesskette, in deren Filiale sie zuvor trainiert hatte. Das Elite-Fit war ein unabhängiger Familienbetrieb, davon gab es nicht mehr viele. Wer weiss, dachte sie, vielleicht würde sie ja auch bald zu den Seriösen gehören und ihre Abende hier statt zuhause auf dem Sofa verbringen.

«Wenn du mir das Mitglied nennst, das dich auf uns aufmerksam gemacht hat, kriegt es einen Gratismonat.»

«Das war Olena Schwander.» Bianca blickte auf den Bildschirm und runzelte die Stirn.

«Komisch, die hat ihr Abo gestern per sofort gekündigt, dabei ist es noch vier Monate gültig. Schade. Vielleicht überlegt sie es sich ja anders, wenn sie weiss, dass du jetzt auch herkommst.»

Brandstetter lächelte. «Darauf würde ich nicht wetten.»

Eine halbe Stunde später stand sie vor Olena Schwanders Wohnungstür.