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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 31: Das System

Was bisher geschah: Vera Brandstetter ermittelt im Fall eines ermordeten Joggers und erfährt vom Fitnesscoach – und bis vor kurzem Liebhaber der Ehefrau, dass bei Schwanders nicht alles zum Besten stand.

Olena Schwander war ungeschminkt, sie trug eine fleckige pinke Trainerhose und ein graues Sweatshirt, von Calvin Klein immerhin, aber es hatte schon bessere Tage gesehen. So wie Olena selbst, deren Augen verweint waren. Ohne Schminke sah sie ganz anders aus. Älter, härter und gleichzeitig verletzlicher. Menschlicher. Sie trat von der Tür zurück und ging, ohne etwas zu sagen, ins Wohnzimmer.

Auf dem Salontisch standen ein Glas, eine Flasche Wodka, ein halb voller Aschenbecher und eine Packung Kleenex, zerknüllte Papiertücher lagen auf dem Teppich. Olena Schwander setzte sich mit angezogenen Beinen auf das Sofa, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Brandstetter erkannte gerade noch Jessica Jones, ehe der Bildschirm schwarz wurde.

«Haben Sie den Mörder gefunden?», fragte sie.

«Ich habe mit Chris gesprochen», antwortete Brandstetter.

«Elender Mistkerl.» Ein zerknülltes Papiertuch flog durchs Zimmer auf den Boden.

«Warum hat Ihr Mann Sie nicht mehr angerührt?»

«Er hatte Stress bei der Arbeit.» Brandstetter verzichtete darauf, zu fragen, wie es mit den traditionellen Werten zusammenging, sich einfach einen Liebhaber zu nehmen, wenn der Gatte nicht mehr konnte. Es tat nichts zur Sache und wäre eigentlich gar keine schlechte Tradition.

Als ob sie Brandstetters Gedanken spürte, richtete Olena sich auf. «Ich arbeite hart dafür, meinen Körper in Form zu halten, aber ich bin nicht mehr zwanzig, meine Zeit läuft ab. Ich bin eine Frau, ich will begehrt werden, darauf habe ich ein Anrecht. Das hat nichts mit Liebe oder Treue zu tun. Ich lebe nur einmal, ich will nichts bereuen, wenn ich alt bin.»

Glaubte sie tatsächlich, dass Sex jungen, gut aussehenden Menschen vorbehalten war und sie sich ihrem Ablaufdatum näherte, überlegte Brandstetter.

«So etwas sollte doch verboten sein!», zischte Olena und riss sie aus ihren Gedanken.

«Was sollte verboten sein?»

«Die Methoden, die dieser Jude eingeführt hat.»

«Der neue Boss? Leon Bloom? Der ist doch gar kein Jude.»

«Einer, der ‹Blum› heisst, kein Jude?» Olena schnaubte verächtlich. «Offiziell vielleicht nicht.»

Brandstetter ging nicht darauf ein. «Was waren das für Methoden?»

«Vor etwa sechs Monaten hat er ein System eingeführt, bei dem die älteren Arbeitnehmer ihren Wert für das Unternehmen beweisen müssen.»

«Ihr Mann war doch erst achtundvierzig Jahre alt.»

«Eben, damit gehört man heutzutage zu den Alten. Die Geldgeber wollen ein Drittel bis die Hälfte der Stellen streichen. Bloom hat darum ein Punktesystem eingeführt.»

«Wie hat es denn funktioniert?»

«Das weiss ich nicht. Reto wollte mich damit nicht belasten, aber manchmal musste er Dampf ablassen, weil das Ganze undurchsichtig und unfair war. Er hat mir nur gesagt, dass er Material sammelte und sich überlegte, es an die Presse weiterzuleiten.»

«Warum hat er das nicht getan?» Brandstetter dachte an das Forum und die Bücher, die Schwander gelesen hatte, dort waren die Medien der Feind, alles Lügner.

> «Er musste ein umfangreiches Non-Disclosure-Agreement unterzeichnen. Wenn herausgekommen wäre, woher das Material stammt, wäre er sofort entlassen worden. Er hatte Angst, als Whistleblower nie mehr einen Job zu finden. Sein Gerechtigkeitsempfinden war verletzt, er war hin und her gerissen und konnte sich nicht mehr entspannen. Ich habe alles versucht, um ihn abzulenken, glauben Sie mir. Er hat kaum mehr geschlafen, hat Nächte in seinem ‹Man Cave› am Computer verbracht. Seine Wut wurde immer grösser. Ich hatte Angst, dass er durchdrehen und seinen Boss erschiessen würde. Was, wenn er es versucht hat, und Bloom ihm zuvorgekommen ist?»

 

«Halten Sie das für möglich?»

Olena Schwander schüttelte den Kopf. «Ich weiss es nicht. Ich weiss nichts mehr. Ausser dass ich ihn geliebt habe.» Sie fing hemmungslos an zu schluchzen. Brandstetter war unwohl, sie wollte sie trösten und in den Arm nehmen, erinnerte sich aber daran, wie Olena sich versteift hatte, als sie das schon einmal versucht hatte. Leise verliess sie die Wohnung.