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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 32: Der Chef

Was bisher geschah: Bei den Ermittlungen im Fall eines ermord ten Ingenieurs erzählt dessen Ehefrau, dass es am Stress im Beruf lag, dass der Gatte den ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommen konnte.

Am nächsten Morgen rief Brandstetter die Sekretärin Erika Hofmann an, um einen Termin mit dem CEO zu vereinbaren.

«Er fliegt heute noch nach Kanada. Seine Mutter hat gesundheitliche Probleme.»

Widerwillig rückte Hofmann die Handynummer ihres Vorgesetzten Leon Bloom heraus.

«Herr Bloom, ich bin Kriminalpolizistin, ich muss Sie sprechen ... Nein, heute noch ... Herr Bloom?» Er hatte aufgehängt. Brandstetter schnaubte und rief die Kollegen am Flughafen an.

Zwei Stunden später betrat sie ein Verhörzimmer bei der Flughafenpolizei. Ein Uniformierter führte sie hinein und postierte sich neben der Tür. Bloom, der früh Karriere gemacht hatte, war 34 Jahre alt, Brandstetter hätte ihn für einen gepflegten, gutfrisierten Wirtschaftsstudenten in einem edlen Anzug gehalten. Wutentbrannt sprang er auf, als sie das Zimmer betrat. «Das wird Sie teuer zu stehen kommen», schrie er. «Das ist Freiheitsberaubung. Ihren Job sind Sie los, Sie dumme ...» Er sprach hochdeutsch mit englischem Akzent. Brandstetter trat dicht vor ihn hin. «Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen, Mister Bloom. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Sie drücken die Polizei nicht weg, wenn Sie um Mithilfe in einem Mordfall gebeten werden, kapiert?»

Blooms Lippen zitterten. Es hätte ihr gefallen, wenn er sie angegriffen hätte. Auch sie war wütend. Sie kannte diese eingebildeten Businesstypen, die «Fight Club» geschaut und ein paar Krav-Maga-Kurse besucht hatten. Sie glaubten, unbesiegbar zu sein, und vernachlässigten ihre Deckung. Es hätte ihr Spass gemacht, ihn niederzuschlagen.

«Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts.» Bloom setzte sich wieder. «Er sollte jeden Moment hier sein.»

«Erzählen Sie mir etwas über das Punktesystem, mit dem Sie die älteren Angestellten der Comartec um ihren Arbeitsplatz kämpfen lassen. Reto Schwander war sehr aufgebracht deswegen. Er wollte damit an die Presse gehen. Haben Sie ihn daran gehindert?» Brandstetter lehnte sich an den Tisch.

Blooms Augen verengten sich, er presste die Lippen zusammen.

«Schwander war ein Perfektionist, er hat alles genau dokumentiert. Die Sache wird ohnehin ans Licht kommen.» Sie improvisierte, um ihn zu provozieren. «Hier in der Schweiz haben die Angestellten Rechte, es gibt Gewerkschaften, die Leute müssen sich nicht alles bieten lassen.» Sie dachte an ihren Vater, den alten Sozialdemokraten, der sein Leben lang für diese Rechte gekämpft hatte, um dann zuschauen zu müssen, wie sie Stück für Stück abgebaut wurden.

«Seit wann ist es verboten, Mitarbeiter an ihrer Leistung zu messen?», explodierte Bloom. «Das Umfeld für die Maschinenindustrie ist schwierig, nur die Besten werden überleben. Es ist meine Pflicht, das Unternehmen fit für den Wettbewerb zu machen.» Angewidert schüttelte er den Kopf. «Ausserdem war Schwander ein guter Mann und überhaupt nicht gefährdet.»

«Es gibt also ein Bewertungssystem», triumphierte Brandstetter.

Die Tür des Verhörzimmers ging auf. Der Anwalt war da, ein rundlicher Mann mit einer Halbglatze und einem erstaunlich schlechtsitzenden Anzug. Brandstetter hatte einen perfekt zurechtgemachten Dressman erwartet. Ich schaue zu viele Serien, dachte sie.

«Sag nichts, Leon. Kein Wort.» Er wedelte mit einem Schriftstück. «Ich verlange, dass mein Klient sofort freigelassen wird. Es ist völlig unverhältnismässig, ihn hier festzuhalten. Ihre Fragen können Sie auch schriftlich stellen. Wenn er seinen Flug verpasst, klagen wir auf Schadenersatz.»

Brandstetter zögerte, der Uniformierte mischte sich ein. «Ich weiss nicht, ob ich das riskieren würde. Weisst du, was so ein Erstklassticket kostet?»

«Nein, und es ist mir scheissegal.»

«Hören Sie auf Ihren Kollegen», riet der Anwalt. «Der Flieger geht in zwanzig Minuten. Wenn Sie meinen Mandanten sofort freilassen, kann er ihn noch erwischen. Sie müssen sich jetzt entscheiden.»

Brandstetter sah Bloom in die Augen. «Wir sind noch nicht miteinander fertig, Bürschchen», sagte sie. «Aber von mir aus, gehen Sie.»

Sie verliess das Verhörzimmer und den Flughafenposten. In der Bye-Bye-Bar trank sie kurz hintereinander zwei Stangen, ehe sie mit der S-Bahn nach Hause fuhr.