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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 33: Der Anpfiff

Was bisher geschah: Die Kriminalkommissarin Vera Brandstetter lässt den CEO der Firma Comartec, bei der das Mordopfer gearbeitet hatte, am Flughafen festhalten und stellt ihm ein paar dringliche Fragen.

Am nächsten Morgen um halb acht wurde Brandstetter von ihrem Handy geweckt. Der Polizeikommandant wollte sie sehen. Äysäp, betonte der Kollege am Telefon genüsslich. Sie sprang aus dem Bett, duschte und suchte fiebrig ein paar Kleider zusammen. Obwohl es in dem Haus mehrere Maschinen und keinen Waschplan gab, war sie schon lange nicht mehr dazu gekommen, ihren Wäscheberg in den Keller zu tragen. Sie fand etwas halbwegs Dezentes und schaffte es, um neun auf der Hauptwache zu sein. Der Polizeikommandant liess sie zwanzig Minuten warten.

«Nimm Platz», befahl er, als sie hereinkam. Er selber blieb auf die Schreibtischplatte gestützt stehen.

«Kannst du mir sagen, was in dich gefahren ist?» Er hob eine Akte auf. «Heute Morgen haben wir per Kurier eine vierseitige Beschwerde von der renommierten Anwaltskanzlei Wegener bekommen. Freiheitsberaubung, Amtsanmassung, Nötigung, alles da.» Er schmiss sie auf die Schreibtischplatte, sodass es knallte.

«Spinnst du komplett?», brüllte er. «Wir sind um ein gutes Image bemüht, und du spielst hier Dirty Harry oder was?»

«Wenn schon, dann Jessica Jones», dachte Brandstetter und setzte laut an: «Herr Bloom hat ...»

«Ruhe, jetzt rede ich.» Der Kommandant ging die Beschwerde Punkt für Punkt durch.

Brandstetter versuchte noch einmal, sich zu verteidigen, aber er liess sie nicht zu Wort kommen. Ihre Sicht der Dinge war nicht gefragt. Wut stieg in ihr hoch. Seine Aufgabe wäre gewesen, sich vor seine Mitarbeiterin zu stellen. Es war jedoch besser, zu schweigen und die Sache rasch hinter sich zu bringen. Sie hatte einen Fehler gemacht und konnte nur hoffen, dass die Konsequenzen nicht allzu schlimm waren, ihre geringen Karrierechancen nicht vollständig zerstört wurden. Was hätte er wohl gesagt, wenn er von der Episode mit Jackie erfahren hätte? Der Kommandant war von der Regierungsrätin eingesetzt worden. Ein Jurist, der von der Polizeiarbeit an der Front keine Ahnung hatte.

«Dein Verhalten wird Konsequenzen haben. Ich werde dir den

Fall wegnehmen!», donnerte er. «Sobald Kapazitäten frei werden», fügte er etwas leiser hinzu.

Brandstetter musste trotz allem ein Lächeln unterdrücken. Er hatte also keinen Dummen gefunden, der den aussichtslosen Provinzfall übernehmen wollte. Manchmal hatte der Personalmangel auch Vorteile. Oder es war ein Akt stiller Solidarität? Der Kommandant war nicht beliebt, die Kollegen hätten lieber einen altgedienten Polizisten auf seinem Posten gesehen.

«Es tut mir leid», sagte Brandstetter, erleichtert, dass keine Verwarnung ausgesprochen wurde. «Wahrscheinlich habe ich die Situation falsch eingeschätzt.»

Ihre demütige Haltung besänftigte den Kommandanten. «Schau einfach, dass so etwas nie wieder vorkommt.»

«Versprochen, Chef.»

Der Kommandant brummte etwas und sie verliess sein Büro. Da sie schon im Haus war, besuchte sie die Abteilung für Cyber-Kriminalität und fand Andi an seinem Schreibtisch.

«Hast du die Zugangsdaten für den Firmencomputer von Schwander bekommen?», fragte sie. Sie hoffte, darauf irgendwelche Hinweise auf das ominöse Bewertungssystem zu finden.

«Nein, leider nicht, der Rechtsdienst der Comartec hat unseren Antrag abgelehnt.»

«Was soll das heissen?»

«Sie haben eine Stellungnahme geschickt, dass sie dem Zugang zu Firmendaten in diesem Fall nicht zustimmen können, weil der tragische Tod ihres Mitarbeiters nichts mit seiner Arbeit zu tun gehabt habe.»

«Verdammt nochmal, das herauszufinden ist unsere Aufgabe, und dazu brauchen wir den Zugang zu seinem Computer. Was hast du unternommen?»

«Nichts.» Andi lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. «Ich habe auch noch anderes zu tun.»

Fast hätte Brandstetter ihm gesagt, dass er besser seinen Job machen sollte, anstatt sich an Bildern von Olena aufzugeilen, für die er ohnehin fünfzehn Jahre zu alt und etwa eineinhalb Lichtjahre zu unfit war, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten.

«Alles muss man selber machen.» Sie stampfte aus dem Büro. Im Auto liess sie eine Playlist laufen, die ihr Thorsten zusammengestellt hatte. Finnischer Death-Metal. Genau das Richtige für ihre Stimmung.