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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 34: Die Liste

Was bisher geschah: Bei den Ermittlungen im Mordfall Schwander tritt Vera Brandstetter einem hohen Tier auf die Füsse und der Chef droht, ihr den Fall wegzunehmen. Wegen Personalmangels kommt es jedoch nicht so weit.

«Ich habe Ihren Chef kennengelernt», sagte Brandstetter zu Erika Hofmann, als sie ihr einmal mehr im vierten Stock des Comartec-Firmensitzes gegenübersass.

Hofmann lächelte. «Ich habe es vernommen. Ehrlich gesagt, hätte ich sehr gerne sein Gesicht gesehen, als er auf den Posten gebracht wurde.»

«Sagen wir mal, er war nicht begeistert.» Brandstetter winkte ab. «Das ist aber nicht der Grund, warum ich hier bin. Ich muss mit Ihrer Rechtsabteilung sprechen. Sie weigern sich, die Zugangsdaten von Schwanders Computer herauszurücken.»

«Wozu brauchen Sie die Daten?»

«Ich muss endlich herausfinden, was es mit diesem Bewertungssystem auf sich hat.»

«Glauben Sie wirklich, das Schwanders Tod damit in Verbindung steht?»

«Wie soll ich das beurteilen, wenn ich nicht weiss, wie es funktioniert hat?»

Erika Hofmann sah sie zögernd an, ehe sie sich ihrem Bildschirm zuwandte. Der Drucker begann zu summen, sie stand auf und entnahm ihm ein paar Blätter, die sie vor Brandstetter auf den Tisch legte.

«Was ist das?»

Hofmann antwortete nicht, Brandstetter sah sich die erste Seite an, eine Tabelle. Die Spalten waren mit ‹Name›, ‹Geburtsdatum›, ‹Funktion› und ‹Score› überschrieben. Sie enthielt etwa vierzig Einträge, in der Mitte verlief ein dicker roter Querstrich. Schwanders Name stand an dritter Stelle.

Auf der nächsten Seite waren Projekte beschrieben, neben dem Titel jeweils eine Punktzahl.

«Können Sie mir das erklären?»

Erika Hofmann schaute sich um, als fürchte sie, beobachtet oder gehört zu werden, obwohl sie alleine im Büro waren.

«Das sind die Namen der Mitarbeitenden, die teilnehmen, die meisten sind 45 oder älter. Das Programm läuft seit fünf Monaten. Die Leute wissen nur, dass sie während eines halben Jahres bewertet werden. Wie die Punkte genau verteilt werden oder wie viele sie auf dem Konto haben, wissen sie nicht. Damit sollen Schummeleien verhindert werden. Den Betroffenen werden Projekte vorgelegt, sie müssen entscheiden, ob sie die übernehmen wollen oder nicht. Für pünktliche und erfolgreiche Durchführung gibt es Punkte. Das Perfide daran ist, dass die Mitarbeitenden nicht wissen, wie viele. Wenn sie zu spät fertig werden oder Probleme bekommen, gibt es weniger oder gar keine Punkte. Es kann sich lohnen, ein wichtiges Projekt zu zweit durchzuführen und die Punkte zu teilen, anstatt alleine daran zu scheitern. Damit sollen Selbsteinschätzung und Kooperationsfähigkeit geprüft werden. In zwei Wochen ist Stichtag. Wer dann über dem Strich ist, kann bleiben, wer darunter ist, erhält die Kündigung.» «Das ist doch nicht Ihr Ernst?»

«Doch, leider. Ich habe mir das auch nicht vorstellen können.»

«Wer ausser Ihnen kennt diese Liste?»

«Nur Bloom und ein paar Kadermitglieder. Ich dürfte Ihnen die gar nicht zeigen. Ich riskiere meinen Job.»

«Warum tun Sie es trotzdem?»

«Wenn Schwanders Tod etwas mit diesem System zu tun hat, ist es möglich, dass ich mitschuldig bin.» Hofmann stand auf und sah aus dem Fenster. «Ich habe die Liste einem unserer Mitarbeiter gezeigt.» Sie trat neben Brandstetter und deutete auf den Namen, der unmittelbar unter dem roten Strich stand. «Warum ausgerechnet ihm?»

«Er ist schon fast so lange in der Firma wie ich. Ich musste ihn einfach warnen, er bedeutet mir etwas. Ich weiss noch, wie er frisch vom Tech zu uns gekommen ist. Ein Feiner, das habe ich gleich gemerkt. Ich verrate Ihnen jetzt etwas, Frau Brandstetter, aber das bleibt unter uns, das müssen Sie mir schwören! Wir haben einmal, an der ersten Betriebsfeier, etwas gehabt miteinander. Wir waren jung und betrunken. Wir waren beide in festen Händen. Morgens um drei haben wir uns in einem der Lagerräume gefunden. Am Montag war es uns beiden peinlich, und so haben wir, ohne uns abzusprechen, die Sache nie wieder erwähnt. Wir taten einfach so, als sei gar nie etwas passiert. Nur das Duzis haben wir nicht mehr zurückgenommen.»

«Kommen Sie mit?» fragte Brandstetter.

«Es ist vielleicht besser», antwortete Hofmann.