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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 35: Der Abstieg

Was bisher geschah: Am Arbeitsort des Mordopfers Reto Schwander findet Kriminalkommissarin Vera Brandstetter heraus, nach was für einem fiesen Punktesystem die Mitarbeitenden gegen- einander antreten müssen. Nun konfrontiert sie den Bürokollegen des Opfers.

Frau Brandstetter, was machen Sie denn hier?», fragte Albert Kauer, als sie sein Büro betraten.

«Ich muss mit Ihnen reden. Über Reto Schwander.»

Kauer schaute hilfesuchend zu Hofmann, die sanft den Kopf schüttelte.

«Ich habe alles gesagt, was ich weiss», nuschelte er.

Brandstetter legte die Papiere auf seinen Schreibtisch. «Davon haben Sie mir nichts gesagt.»

«Sag, dass du nichts damit zu tun hast», hielt es Erika Hofmann nicht mehr aus. «Ich habe dir die Liste doch nur gegeben, damit du dich auf die Hinterbeine stellst. Fünfzig Punkte trennen dich vom Strich.»

Kauer schlug mit der Faust auf den Tisch. Brandstetter wich einen Schritt zurück.

«Ja, verdammt. Lausige fünfzig Punkte. Mein ganzes Leben, meine ganze Arbeit. Reduziert auf fünfzig Punkte.» Er nahm das Bild seiner Familie in die Hand. «Dieses Foto ist der Beweis, dass nicht alles nur ein Traum war. Ich war einmal ein erfolgreicher Mann. Wir waren eine glückliche Familie. Uns ging es gut. Mit 45 Jahren hatte ich alles erreicht, was ich im Leben erreichen wollte. Ich habe mich hochgearbeitet, mein Vater war ein einfacher Bürogummi. Nach der Lehre habe ich den Ingenieur gemacht, in der Abendschule, während die anderen feierten. Ich habe erst geheiratet, als ich wusste, dass ich eine Familie ernähren kann.»

Er tippte mit dem rechten Zeigefinger auf das Bild. «Der Jonas, der Älteste, hatte gerade die Gymiprüfung bestanden. Nach den Ferien fing die Mittelschule an. Der jüngere, der Alexander, hatte nur Fussball im Kopf, er ging in den Verein und hat sogar eine Zeit beim Nachwuchs eines Nationalliga B Clubs trainiert.» Liebevoll ruhte sein Finger auf dem Mädchen. «Das ist die Chantal, das Nesthäkchen, die Nachzüglerin. Sie ist mir besonders nah, und wahrscheinlich habe ich sie auch ein bisschen verwöhnt. Dass ausgerechnet sie solche Probleme haben würde ...» Kauer stellte das Bild wieder auf den Tisch. «Kennen Sie dieses Gefühl, Frau Brandstetter, wenn man glaubt, es geschafft zu haben, und dann alles zu bröckeln beginnt?»

Brandstetter wusste, dass sie nur aufmunternd zu lächeln brauchte. Er hatte lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, jemandem seine Geschichte zu erzählen. Sie lächelte.

«Zuhause ist alles schwieriger geworden. Meine Frau, die ursprünglich Krankenschwester war, ist von der Alternativmedizin in die Esoterik abgedriftet. Sie besucht ständig Kurse, braucht ein Auto, hat sich einen Therapieraum in Gründorf gemietet. Was das alles kostet! Chantal hat wahrscheinlich am meisten darunter gelitten, dass ich nach dem Umzug der Firma weniger Zeit hatte, weniger Energie und Geduld. Die Buben waren mit Schule und Training beschäftigt. Der Druck bei der Arbeit nahm zu, es gab Rückschläge mit neuen Projekten. Langjährige Angestellte wurden durch Zeitarbeiter ersetzt. Just in Time war das Schlagwort. Doch ohne gute Produkte nützt das alles nichts, und die zu entwickeln ist unsere Aufgabe. Ständig wurde uns dreingeredet, die Arbeit wurde immer mühsamer. Wenn einer vom Management eine Idee hatte, mussten alle springen, auch wenn es bei Tageslicht betrachtet doch nichts als eine Furzidee war. Ich habe immer gerne gearbeitet, glauben Sie mir, Frau Brandstetter, ich bin ein Chrampfer. Wenn einem aber immer dreingeschnorrt wird von jungen Schnöseln, die viel studiert, aber nie richtig gearbeitet haben, dann kann es sogar mir verleiden. Dann die Übernahme, das war ein Schock. Wir wussten bis zwei Tage, bevor es publik wurde, von gar nichts. Und jetzt das! Fünfzig Punkte, die ich nicht mehr aufholen konnte, selbst wenn ich die Aufgabe, an der ich arbeite, erfolgreich zu Ende führe.»

Kauer stützte den Kopf in die Hände und schwieg für eine Weile. «Schwander hat an einem Projekt gearbeitet, das genau in mein Spezialgebiet fällt. Ich wusste, dass er Schwierigkeiten damit hatte. Ich habe ihn gebeten, mich an Bord zu holen, zusammen hätten wir es geschafft, davon bin ich überzeugt. Mit den Punkten, die ich dafür bekommen hätte, wäre ich aus dem Schneider gewesen.»