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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 36: Das Geständnis

Was bisher geschah: Der Arbeitskollege des ermordeten Reto Schwander wird von Kriminalpolizistin Vera Brandstetter mit einer Tabelle konfrontiert, auf der es schlecht für ihn aussieht. Es sieht auch sonst schlecht für ihn aus.

«Ich hatte Probleme mit einem Projekt. Der neue Abteilungsleiter, so ein junger Schnösel, der zwar einen MBA und ein PhD und was weiss ich was besitzt, aber nie eine Maschine bedient, sich nie die Hände schmutzig gemacht hat, änderte es ständig ab. Dazu unzählige Mails und Anrufe, auch am Abend und am Wochenende, aber Überstunden aufschreiben wäre als Illoyalität der Firma gegenüber aufgefasst worden. Schlussendlich ist das Projekt gescheitert. Ich konnte mir ja ausrechnen, was das bedeutet, auch wenn ich es nicht konkret wusste.» Kauer sah von Hofmann zu Brandstetter. «Meine Söhne studieren. Wissen Sie, was das kostet? Wir wohnen weit draussen auf dem Land, sie müssen in der Stadt wohnen, sie wollen das natürlich auch. Die Kleine, meine liebe kleine Chantal, isst nicht mehr richtig. Es zerreisst mir das Herz. Sie muss in die Therapie, wir müssen sie betreuen. Mit der Mutter hat sie sich vollkommen verkracht. Ich will das Haus verkaufen, aber mit diesen ÖV-Anschlüssen ist es nicht attraktiv. Und dann? Eine Vierzimmerwohnung hier in der Nähe kostet heute mehr, als ich für das Haus bekomme, von Mieten wollen wir gar nicht reden. Ich bin 56 Jahre und muss Ende Monat immer schauen, dass es reicht. Wenn mein Einkommen wegfällt, ist das eine Katastrophe. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll. Und das alles wegen ein paar so blöden Punkten.»

«Schwanders Frau hat mir erzählt, dass ihr Mann vehement gegen dieses System war», wandte Brandstetter ein.

«Ja, aber helfen wollte er mir trotzdem nicht. Er konnte es sich gut leisten, die Punkte zu teilen. Ich habe ihm die Liste gezeigt, trotzdem wollte er nicht. Er konnte es sich sogar leisten, das Projekt zu versieben. Das Risiko ging er lieber ein, als mir zu helfen. Er sagte, er habe Schiss, dass die Sache auffliegen und wir beide entlassen werden könnten, es sei doch auffällig, wenn er mich so kurz vor dem Stichtag an Bord hole. Ich habe gehofft, dass er privat mit sich reden liesse. Einmal bin ich zu ihm gefahren, aber seine Frau hat gesagt, er sei nicht zu Hause. Ich wusste, dass er an bestimmten Abenden am Schnabelweiher joggen ging, er hat seine Streckenzeiten jeweils auf Facebook geteilt. Ich habe auf ihn gewartet und versucht, ihn zu überzeugen.»

Kauer sackte in sich zusammen. «Angefleht habe ich ihn, aber es hat ihn einfach nicht interessiert. Er hat zwar gesagt, dass er das System abscheulich fände, aber bescheissen sei auch keine Lösung. Heutzutage müsse man eben in erster Linie für sich selber schauen. Es wäre tatsächlich unfair, wenn ich einem fähigeren Kollegen den Job wegnehmen würde. Seit er gewusst hat, dass er in der Liste fast zuoberst stand, fand er das System nicht mehr ganz so unfair. Er hat gedroht, zu melden, dass ich die Unterlagen habe, wenn ich ihn nicht in Ruhe lasse. Er hat mich einfach stehen lassen und ist wieder losgejoggt. Ich wollte ihn festhalten, er hat meinen Arm weggeschlagen. Da bin ich wütend geworden und habe ihm einen Schwinger verpasst. Er ging zu Boden und blutete aus der Nase. Ich zog ihn vom Weg, ins Schilf am Ufer. ‹Warum hilfst du mir nicht?›, habe ich gefragt und er hat so blöd gegrinst. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, ich war völlig ausser mir und hab ihn unter Wasser gedrückt. Erst nach einer Weile merkte ich, dass er sich gar nicht mehr bewegt. Ich habe Panik bekommen und bin abgehauen.»

«Albert, was machst du denn für Sachen?» Erika Hofmann griff über den Tisch nach seiner Hand. Er zog sie zurück.

«Der Druck war einfach zu gross. Ich habe doch alles richtig gemacht. Ich habe immer gearbeitet, mich weitergebildet, Leistung gezeigt. Ich habe Kinder grossgezogen und Steuern bezahlt. Trotzdem stand ich auf der Abschussliste. Auf einmal zählte das alles nichts mehr.»

Kauer starrte vor sich auf die Tischplatte. «Jetzt ist alles noch viel schlimmer. Was soll aus meinen Kindern werden, wenn ich ins Gefängnis muss?»

Brandstetter schüttelte den Kopf. Was sollte sie darauf sagen, sie wusste es nicht, sie konnte es sich nicht leisten, darüber nachzudenken.

«Herr Kauer, ich muss Sie bitten, mitzukommen», sagte sie bestimmt.