Skip to main content
Challenge League
Integration mit Dame

Die Hände hat er auf dem Tisch gefaltet, den Blick auf das Brett und die Figuren darauf gerichtet. Nach jedem Zug tippt er die Schachuhr am Rand des Tisches an, manchmal schaut er in die Augen seines Gegners. Für Sharif Mansoor ist Schach mehr als ein Spiel.

Mansoor, 40 Jahre alt, floh vor 18 Jahren mit seinen Eltern und den vier Geschwistern vor den Taliban aus Afghanistan. An der Grenze zu Usbekistan habe er sich von der Familie getrennt, erzählt er, und sei von dort alleine in die Schweiz gekommen. Die Familie brauchte vier Jahre länger bis nach Europa und entschied sich dann für Holland, wo sie immer noch leben.

Nach wenigen Wochen im Aufnahmezentrum in Kreuzlingen kam Mansoor nach Zürich. Bei der Integration hier habe es nur eine Schwierigkeit gegeben, sagt er: die Sprache. «Ich hatte nur zwei Stunden pro Woche Deutschkurs und kaum Kontakt mit Schweizern. So hat es Jahre gedauert, bis ich richtig Deutsch lernte.» Er erinnert sich, wie er und seine afghanischen Freunde oft an Orte wie den Zoo oder in Museen gingen, um mit Schweizern in Kontakt zu kommen.

Zum Glück aber gibt es Schach. Mansoor spielte bereits in Afghanistan, mit Freunden und zum Spass. Im Jahr 2000 dann fing er im Thalwiler Schachclub Zimmerberg an. Er sagt: «Ich konnte nur ein Jahr dabeibleiben, und wegen meiner Nachtarbeit in einem Hotel spielte ich für längere Zeit nicht und hatte auch keinen Kontakt zu den anderen Spielern.» Seither wechselte er oft den Club, doch er hörte nie wieder auf zu spielen. Aus dem Hobby wurde Ehrgeiz: 2014 gewann er die Zürcher Stadtmeisterschaft in der Kategorie Promotion.

Weil ihm der Chef des Hotels, in dem er arbeitet, entgegenkam, kann Mansoor heute zwei Abende pro Woche spielen. Und hat seine Schach-Heimat gefunden. Seit vergangenem Jahr spielt er im Akademischen Schachclub Réti in Zürich, der sein Lokal ausgerechnet an der Asylstrasse im Quartier Hottingen hat. «Ein Club mit sehr gutem Niveau, in dem viele Schachmeister spielen», schwärmt Mansoor. Er selbst steht im Ranking 2015 und 2016 ebenfalls an der Spitze. «Ich werde das Turnier auch 2016 gewinnen und meine Schachpunkte erhöhen», sagt er selbstbewusst.

Durch das Schach sei er mit Schweizern in Kontakt gekommen und habe recht gut Deutsch gelernt, sagt er. «Ich kannte niemanden, bevor ich mit dem Schach angefangen habe. Jetzt habe ich viele Schweizer Freunde, und wir besuchen uns oft zuhause, um miteinander zu spielen oder zu reden.»

Mansoor glaubt, Schach sei in seiner Heimatregion entstanden. Deshalb stammten viele Begriffe aus dem Persischen. «Ich fühle mich wie im echten Krieg, wenn ich die Schachfiguren Elefant und Pferd nenne, wie Läufer und Springer auf Persisch heissen – eine Anlehnung an die alte asiatische Kavallerie, die aus Pferden und Elefanten bestand.»

Wie gesagt: Für Sharif Mansoor ist Schach mehr als ein Spiel.