Skip to main content
Challenge League
Seit Kurzem wieder lachen

Im Winter 2014 lebte ich im Asylzentrum Buch bei Schaffhausen, dort verbrachte ich viel Zeit mit Wahid Yousof. Wir tranken Tee und redeten. Mittlerweile wohnen er und seine Frau Manal Haschasch in einer Wohnung in Neuhausen, wo ich sie kürzlich besuchen ging. An der Wand hingen die Bilder von vier Mädchen, geordnet von links nach rechts, von der Jüngsten bis zur Ältesten. Wahid und Manal sassen davor. Auf Manals Schoss: ihre jüngste Tochter Yara, in der Schweiz geboren. Daneben, die Bilder an der Wand, das war die Vergangenheit.

Wahid, der einer armen kurdischen Familie entstammt, hatte bereits Ende der Neunzigerjahre Probleme mit der Regierung in Syrien bekommen. Als er nach seinem Medizinstudium in Sankt Petersburg nach Aleppo zurückkehrte, erhielt er Drohungen, weil er, wie er sagt, Mitglied der Kommunistischen Aktionspartei (Hizb al-’Amal al-Schuyu’i) gewesen sei. Also ging er nach Libyen, wo er in einem staatlichen Spital Arbeit fand. Dort leitete er zuletzt die Abteilung für Innere Medizin. Auch seine Frau Manal lernte er in Libyen kennen, wohin die Syrerin bereits als Kind mit der Familie gezogen war. Als das Land nach Gaddafis Sturz im Chaos versank, habe er Drohungen von Islamisten bekommen, so Wahid. Sein ganzes Vermögen gab er den Schleusern für die Überfahrt der Familie nach Italien.

Das Boot kenterte im Mittelmeer. Wahid wurde von Maltas Küstenwache gerettet, Manal von der italienischen. Nach drei Wochen fand sich das Paar im Schweizer Aufnahmezentrum in Kreuzlingen wieder. Manal hatte die ganze Zeit geglaubt, die vier Töchter seien bei Wahid. Und er hoffte, sie seien bei ihr.

Während die beiden erzählen, ist Baby Yara eingeschlafen. Sie ist vier Monate alt und kann schon lachen, sagt ihre Mutter. Dann schaut sie ihren Mann an und erzählt: «Seit Yaras Geburt denke ich weniger an das Unglück. Früher erinnerte ich mich immer an die Kinder.» Und Wahid fügt hinzu: «Ich spiele mit Yara, das ist wie ein neues Leben.»

Wahid geht an Krücken. Im Herbst 2013 hatte man das Ehepaar aus Kreuzlingen in das Asylzentrum Buch verlegt. Dort verunfallte Wahid. «Ich war immer traurig und dachte an die Kinder, da bin ich beim Duschen ausgerutscht und aufs Knie gefallen.» Seitdem ist das Kniegelenk gebrochen und Wahid wartet auf einen OP-Termin. «Es dauerte zwei Jahre, bis ich eine Bestätigung vom Sozialamt für eine Knieoperation bekam.» Als er das sagt, dreht Manal sich blitzschnell um und flüstert ängstlich: «Sprich nicht über das Sozialamt, nicht dass wir später Probleme bekommen.» Doch er erzählt weiter: «Ich könnte ja arbeiten, wenn mein Knie operiert würde. Manal kann auch nicht wegen des Kindes und dem Haushalt. Wir sind keine Bettler.» Er seufzt und zündet sich eine Zigarette an. «Die Probleme mit der Operation hängen mit dieser F-Aufenthaltsbewilligung zusammen. Obwohl ich glaubhafte Beweismittel habe, hat das SEM unser Asylgesuch abgelehnt.» Er legte die Zigarette in den Aschenbecher. Nun wartet er auf die Zeit nach der OP: «Ich kann dann wieder arbeiten und mit Yara spazieren gehen. Das macht mir Hoffnung.»