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Sonne in der Hölle

Meine Flucht aus Iran brachte mich 2012 nach Griechenland, von wo ich weiter nach Mitteleuropa wollte. Ich bezahlte dafür einem Schleuser 4000 Euro, da ich weder einen Reisepass noch eine Aufenthaltsbewilligung hatte. Der Schleuser besorgte mir einen italienischen Ausweis, der auf den Namen Marco Rossi lautete, und klebte mein Foto drauf.

Zuversichtlich ging ich zum Hafen von Igoumenitsa, um eine Fähre nach Venedig zu nehmen. Einfach so, als ob ich europäischer Bürger wäre. Am Kontrollpunkt fragte ein Polizist nach meinen Papieren. Ich holte meinen italienischen Ausweis aus der Hosentasche und gab ihn dem Beamten. Als er den Ausweis öffnete, fiel das aufgeklebte Foto zu Boden.

Später wurde ich auf die Polizeistation der nahe gelegenen Stadt Arta gebracht. Eingeklemmt zwischen zwei Polizisten lief ich die Treppe hinunter, wo es einen schmalen Korridor mit vier Zellen gab. In jeder Zelle waren ein Paar Häftlinge, die sich bereits auf Persisch, Urdu und in anderen Sprachen über meine Ankunft unterhielten. Man öffnete die Gittertür der Zelle in der Mitte des Korridors. In der Ecke war ein kleines Fenster, in der Tür stand ein Junge und ganz hinten sass ein Mann. Bald kam ich mit dem Jungen ins Gespräch, er war 16, hiess Maulud und sprach algerisches Arabisch, das ich nur schwer verstehen konnte. Der andere aber blieb die ganze Zeit in seiner Ecke und bewegte sich von dort nicht fort, auch nicht zum Abendessen.

Am nächsten Tag, als ich mich früh am Morgen mit meinem Buch hingesetzt hatte – «Der Gotteswahn» von Richard Dawkins –, kam er etwas nach vorne und fragte mich auf Arabisch: «Was liest du da?» «Philosophie», antwortete ich. «Worum geht es?» – «Darum, dass es sehr wahrscheinlich keinen Gott gibt.» – «Das ist Quatsch! Es gibt nur ein Buch der Wahrheit! Der Koran ist Gottes Wort und gilt überall!» Nach diesem Gespräch hatte ich Angst vor ihm. Dafür sprach ich oft mit Maulud, obwohl er erst für das Mittagessen aufstand und bald nach dem Abendessen wieder schlafen ging. Er war nur etwa sieben Stunden pro Tag wach. Irgendwann bastelten Maulud und ich uns ein Schachbrett aus einer Pizzaschachtel. Wir spielten oft, und eines Tages fragte der Ältere, ob er auch mitspielen könne. Wir plauderten etwas während der Partie, und am Ende stellte er sich vor: Schamsuddin, 28, aus Algerien. Ich begriff, dass er aus einer religiösen Familie stammte. Schamsuddin bedeutet «Sonne des Glaubens».

In unserer Zelle gab es kein Sonnenlicht, das Fenster war klein und mit einem Gitternetz verhängt. Trotzdem drang durch das Fenster ein guter Geruch nach Mandarinen und Orangen, es muss in der Nähe einen Garten gegeben haben. Morgens versuchte ich jeweils, diesen Geruch zu geniessen. Ich stellte mich ans Fenster und atmete tief ein. Schamsuddin fand das interessant und stellte sich manchmal dazu, um ebenfalls zu riechen. Wir sprachen viel am Fenster, und ich fand heraus, dass er ein radikaler Muslimbruder war.

Nach einem Monat schickte mir ein Freund aus England eine grosse Schachtel mit Büchern nach meinem Geschmack; Philosophie, Politik und Romane. Eines Tages unterbrach mich Schamsuddin beim Lesen: «Was für einen Quatsch liest du da? Diese Bücher sind von Ungläubigen, die den Menschen von Gott ablenken und in die Finsternis führen wollen. Es ist meine Pflicht, dir den rechten Weg zu Gott zu zeigen.» Ich packte die Gelegenheit zum Dialog: «Ich lese hier gerade Kant, und der findet, das Nachdenken über Übersinnliches führe in die Irre, weil der Mensch nicht genügend darüber wissen könne.» Schamsuddin brüllte mich an: «Er zieht dich direkt in die Hölle mit seinem Weg.» Ich sagte lächelnd: «Wird man auch für das Lesen bestraft und in die Hölle geschickt?» Wir debattierten täglich über Himmel und Hölle. Ich sprach von der Realität und verglich die Hölle mit unserer dunklen Zelle. Er aber wollte mich auf den richtigen, heiligen Weg bringen. Manchmal stritten wir richtiggehend und brüllten einander an. Einmal, nach so einem heftigen Streit, sprachen wir fast fünf Tage nicht miteinander, bis schliesslich Maulud zwischen uns vermittelte und den Frieden in die Zelle zurückbrachte. Aber langsam verstanden wir uns besser, und am Ende konnten wir normal über alles diskutieren. Schamsuddin rasierte sogar seinen langen Bart ab.

Nach sechs Monaten im Dunkeln kam ein Polizist und sagte: «Macht euch bereit, ihr werdet in ein Lager gebracht.» Die Polizei durfte uns nicht mehr als sechs Monate unter solchen Bedingungen festhalten. Wir wurden einer nach dem anderen in Handschellen nach draussen gebracht. Es regnete stark und war dunkel an jenem Tag Anfang Februar. Wir fuhren nach Komotini nahe der türkischen Grenze, wo wir spätabends aus dem Minibus stiegen, in dem es nur eine kleine Lampe, keine Fenster und kaum Luft zum Atmen gab.

Das Lager war ein vierstöckiges Gebäude, das rundherum mit Stacheldraht umzäunt war. Flüchtlinge hatten es zweimal bei Protesten in Brand gesetzt, aber es hatte grosse Fenster und Matratzen. Man brachte uns zu einem Zimmer, in dem bereits drei Kurden sassen. Müde von den Handschellen und der Fahrt in dem stickigen kleinen Minibus legte ich mich auf eines der weichen Betten. Als ich einschlief, rief jemand meinen Namen, ich war nicht sicher, ob es ein Traum war. Ich öffnete die Augen und hob den Kopf. Es war bereits Morgen und Schamsuddin lehnte neben dem Fenster an der Wand, wo die Sonne ihn anstrahlte. Er rief laut: «Wir haben endlich den Himmel gefunden, es gibt keine Finsternis mehr!»