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Challenge League
«Du verdienst Hunger»

Nach sechs Monaten und 17 Tagen in einem griechischen Gefängnis (siehe Surprise 388/16) kam ich im Februar 2013 frei. Eine Kampagne von Amnesty International, unterstützt durch Politiker wie den damaligen italienischen Senator Marco Perduca, hatte Wirkung gezeigt. Meine schlimmsten Befürchtungen – die Ausschaffung nach Iran und dort die Hinrichtung – waren vorerst abgewendet. Ich bekam ein Papier, das mir ein Aufenthaltsrecht von sechs Tagen in Griechenland gewährte. Ich blieb neun Monate.

Nach meiner Freilassung kaufte ich ein Ticket für den ersten Bus von Komotini nach Athen, wo ich am frühen Morgen ankam. In einem Zimmer, in dem drei andere Flüchtlinge wohnten, mietete ich mich für fünf Euro pro Tag ein. Mein Geld reichte für eine Woche, danach suchte ich nach dem Schleuser, dem ich Monate zuvor 4600 Euro für den schlecht gefälschten Pass gegeben hatte, wegen dem ich schliesslich im Gefängnis gelandet war. Ich fand die Handynummer eines seiner Freunde. Der Schleuser war längst in Schweden, er zahlte mir keinen einzigen Euro zurück. Meine Familie in Iran schickte mir immer wieder Geld, obwohl sie nicht reich sind. Aber Europa ist teuer, erst Recht im Verhältnis zur damals immer schwächer werdenden iranischen Währung. Nach fünf Monaten konnte mir meine Familie nichts mehr schicken.

Eines Tages in August 2013 hatte ich seit einer Woche kein Geld mehr und seit einem Tag nichts gegessen. Der kurdische Supermarkt, von dem ich auf Kredit Lebensmittel bekam, gab mir nichts mehr. Ich rief meinen Freund Shorsh an. Er sagte: «Ich habe auch seit zwei Tagen kein Geld bekommen, aber ich komme bei dir vorbei, damit wir zusammen Hunger haben können.» Ich weiss nicht, ob er vor Freude oder aus Trauer lachte, aber mit seinen zynischen Witzen brachte er auch mich zum Lachen. Shorsh war vielleicht der lustigste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben kennengelernt habe. Er kam an mit seinen 1.65 Körpergrösse, gestützt auf eine Krücke, die fast so gross war wie er selbst. Er war zwar klein, aber sehr mutig und kämpferisch, so dass ich ihm den Spitznamen Braveheart verpasste. Bevor ich fragen konnte, sagte er: «Es ist nichts Schlimmes, nur eine Knieverletzung. Gestern haben mich ein Schleuser und seine Leute die Treppe runter geworfen, als ich nach meinem Geld fragte.» Shorsh machte sich auch gern über mich und meine Gedanken lustig: «Also mein Freund, das ist Sozialismus, was du da vertrittst», sagte er, während wir uns den Hunger und die Zeit um die Ohren schlugen. «Du hättest dir besser meine Philosophie angeeignet, die Philosophie des Überlebens.» Und brach in Gelächter aus. Shorsh sprach besser griechisch als ich, er war seit vier Jahren da. Er war auch sehr kreativ und fand fast immer einen Weg aus der Krise. Nachdem er stundenlang vergeblich herumtelefoniert hatte, um irgendwo etwas zu essen aufzutreiben, sagte er schmunzelnd: «In Griechenland ist Wirtschaftskrise, und wir haben kein Geld. Wir sind doppelt in der Krise.»

Am späten Abend klingelte plötzlich Shorshs Telefon. Jemand gab ihm eine Adresse durch. Ich fragte, was los sei, aber er war im Stress und meinte, wir sollten uns beeilen, das Geschäft sei nur bis 23.00 Uhr geöffnet. Er lief trotz seiner Krücke so schnell, dass es mir schwerfiel, mit ihm Schritt zu halten. Dazu rief er laut: «Es ist eine Bäckerei, die gegen Ladenschluss die Süssigkeiten und das Brot verteilt, die sie während des Tages nicht verkauft haben.» Ich stellte mir sofort einen vollen Bauch vor und lief noch etwas schneller. Als wir ankamen, standen die Leute bereits Schlange. Shorsh meinte, er könne sich wegen seiner Verletzung nicht anstellen. Ich bin eher schüchtern, und ich fand die Situation schwierig. Die meisten waren Migranten, und die Schlange bestand zu mehr als der Hälfte aus Kindern. Dem Aussehen nach zu schliessen, stammten sie aus Syrien und Afghanistan. Der Bäcker hatte begonnen, die Lebensmittel zu verteilen. Ich beobachtete die Kinder, wie  sie sich um die kleinen Tüten mit Brot und Gebäck stritten. In Gedanken versunken schaute ich zu. «Kann ich diesen Kindern etwas wegnehmen?», fragte ich mich. «Gehört es nicht mehr ihnen als mir? Wo ist die Gerechtigkeit, an die ich glauben soll? Und warum mussten diese unschuldigen Kinder überhaupt zu Migranten werden?»

Plötzlich spürte ich einen Klaps auf dem Hinterkopf. Als ich mich umdrehte, sah ich Shorsh, mit ernstem Gesicht und ohne Lächeln. «Du verdienst den Hunger», sagte er. «Dir ist nichts mehr geblieben, und du überlegst noch?»