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Flüchtlingshilfe
«Kein Raum für Individualität»

Der Deutsche Kilian Kleinschmidt leitete eines der grössten Flüchtlingslager der Welt. Das Wirtschaftsmagazin Forbes nennt ihn einen «humanitarian disruptor», einen humanitären Störer, weil er das System von Hilfe durch Wohltätigkeit infrage stellt. Er will die Wirtschaft ins Flüchtlingslager holen.

Herr Kleinschmidt, Schlagwörter wie Flüchtlingskrise beherrschen unseren Alltag. Handelt es sich tatsächlich um eine Krise?

Kilian Kleinschmidt: Wenn sich etwas verändert, empfindet man das immer als ein Problem. Wir machen es in unseren Köpfen zu einer Krise, in unserer Berichterstattung. Im Grunde ist es ja keine Krise, wenn eine Million Menschen nach Europa kommen. Im Jahr kommen 220 Millionen Touristen aus allen möglichen Ländern zu uns. Das sind zwar keine Menschen, die sich bei uns niederlassen wollen, aber diese 220 Millionen verarbeiten wir logistisch. Aber wir haben es in Deutschland nicht geschafft, mit einer Million geflüchteter Menschen logistisch umzugehen. Wir haben sie nicht einmal erfasst. Das hat einigen Menschen Angst gemacht.

Sie haben mehr als 25 Jahre in den schlimmsten Krisenregionen der Welt gearbeitet und gelebt. Unter anderem leiteten Sie das Flüchtlingslager Zaatari mit 100000 Bewohnern an der syrisch-jordanischen Grenze. Was macht Flucht mit den Menschen?

Natürlich ist jede erzwungene Flucht ein Riesenschock für die Betroffenen. Flucht wird ja nicht nur durch Kriege ausgelöst, sondern durch extreme Armut, durch Sklaverei und Ausbeutung. Das sind Realitäten. Flucht entsteht aus der Verweigerung von Menschenrechten. Jemand, der nicht viel hat und mit Gewalt vertrieben wird, der wird zunächst einmal an sich selbst denken müssen, es geht ums pure Überleben. Deswegen ist eines der grossen Themen: Wie kann ich Menschen in ihrer Identität bestätigen und dadurch auch wieder einen Sinn für Gemeinschaft aufbauen? Das haben wir global nicht verstanden.

In Ihrem Buch «Weil es um die Menschen geht: Als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt» beschreiben Sie die Menschen im Lager Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze als hochgradig aggressiv. Die Bewohner zerstörten die Infrastruktur, warfen Steine. Auch in Deutschland kommt es in den völlig überfüllten Aufnahmelagern immer wieder zu Gewalt.

Es besteht natürlich ein sehr grosser Unterschied zwischen einem Lager wie Zaatari und Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. Weil wir verhindert haben, dass die Menschen legal nach Deutschland kommen – viele kamen selbstorganisiert, mit Schleppern –, sind es oft Einzelpersonen, keine Familienverbände. Das betrifft etwa die Hälfte der Geflüchteten. Wenn solche Strukturen nicht funktionieren, sprich Familie, Mutter, Vater, dann bricht die Sozialkontrolle zusammen. Dazu kommt die Frage: Was passiert hier? Kann ich bleiben oder nicht? Das bringt Unsicherheit. Und trifft vor allem viele Männer hart. Häusliche Gewalt wird zum Thema, weil sich diese Männer, die aus Männergesellschaften kommen, hier wertlos fühlen. Das setzt diese Menschen unheimlich unter Druck. Genau dasselbe erleben wir doch auch bei Langzeitarbeitslosen. Wenn ich nichts wert bin und mich nicht stark fühle, dann werde ich aggressiv.

Was ist die Alternative?

In Zaatari haben wir Supermärkte eingerichtet, wo die Menschen mit sogenannten Smartcards einkaufen konnten, anstatt Lebensmittelverteilungen abzuholen. Sie gingen mit einem Einkaufswagen in einen Supermarkt und suchten sich aus, was sie essen möchten. Menschen, die für sich selbst verantwortlich sein sollen, muss man genau das ermöglichen. Und das ist heutzutage eigentlich ganz einfach. Doch die traditionelle Flüchtlingshilfe, wie wir sie bisher gestalten, ob in Deutschland, in Jordanien oder im Kongo, ist eine reine Vermassung von Menschen.

«Wir setzten Solidarität mit Almosen gleich. Davon müssen wir wegkommen. Es ist entwürdigend.»

Was meinen Sie mit Vermassung?

Viele Flüchtende vermeiden, in Massenunterkünfte zu kommen. Wenn sie können, gehen sie nicht in Lager. Nur zehn Prozent der Flüchtenden auf der Welt sind in Lagern. Sie versuchen selbst unter grössten Schwierigkeiten irgendwo in der Bevölkerung unterzukommen, sich eine Wohnung oder eine Garage zu mieten, um sich irgendwie als Familie oder als Person wiederfinden zu können. In den Lagern erleben wir oft, dass die Geflüchteten versuchen, aus dem Zwang auszubrechen, genau das Gleiche zu essen wie 99 999 andere Menschen, die gleichen gespendeten Schuhe anzuziehen. Alle tragen die gleichen Schuhe. Da ist kein Raum für Individualität. Deshalb versuchen viele, die Schuhe wieder zu verkaufen, um sich dann Schuhe nach ihrem Geschmack zu besorgen. Das sind Reflexe, die ich immer wieder beobachte. Wir können das anders machen heute.

Und warum wird es dann so wenig gemacht?

Wir haben so ein Schema im Kopf: Ein Flüchtling ist abhängig von Almosen. Das ist unter anderem durch die Care-Paket-Mentalität nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Wir setzen Solidarität mit Almosen gleich. Davon müssen wir wegkommen. Es ist entwürdigend. Auf dem klügsten Poster, welches das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR jemals produziert hat, stand: «Einstein was a refugee!» War Einstein abhängig von irgendwelchen Almosen? Nein. Aber er war abhängig davon, einen Platz zu finden, an dem er denken und forschen konnte.

Sie halten Zahlen, Statistik und Logistik für Instrumente der Entmenschlichung, haben Sie mal gesagt. Wie meinen Sie das?

Man spricht in der Katastrophenhilfe tatsächlich von der «Einheit Mensch». Und das muss ich dann als Logistiker übersetzen – wie viel Wasser, wie viel Nahrung, wie viele Medikamente, wie viele Toiletten benötige ich? Es gibt die Tendenz, diese Terminologie beizubehalten, genauso weiterzudenken. Habe ich erst einmal die ersten Leben gerettet, denke ich nur noch sehr wenig oder gar nicht darüber nach, dass ich es ja eigentlich mit Menschen zu tun habe, mit Individuen, Persönlichkeiten. Dafür sind wir, das humanitäre Hilfssystem, überhaupt nicht ausgestattet.

War es denn möglich, ein Riesenlager wie Zaatari effektiv zu verwalten und dabei menschlich zu bleiben?

Ich habe in Zaatari begriffen, dass beispielsweise das Stehlen von Gebäuden kein Stehlen war, sondern eine Privatisierung. Es ging um Individualität: Ich will keine Gemeinschaftstoilette, deshalb nehme ich mir Material von der Gemeinschaftstoilette und baue mir daraus eine private Toilette. So wurden Zementblöcke und Ziegel entwendet und daraus 14 000 Privatklos gebaut, oder Küchen. Da musste ich irgendwann begreifen: Unser Ansatz war falsch.

«Die Menschen haben nicht darauf gewartet, dass jemand ihnen aus Europa Räder schickt, sondern haben das selbst über Händler in Jordanien organisiert.»

Inwiefern?

Die Leute haben keinen Bock, zusammen auf die Toilette zu gehen. Man muss sie also zunächst einmal gewähren lassen, aber daraus dann irgendwann einmal wieder Strukturen schaffen. Man muss verstehen: Wenn Menschen aus einem Krieg, aus einer Diktatur kommen, dann wird alles, was mit Struktur zu tun hat, abgelehnt. Die Polizei ist dein Feind und Folterer, nicht dein Freund und Helfer! Mir wurde oft gesagt: «Du bist genauso wie Baschar al-Assad! Du willst uns vorschreiben, dass wir die Toiletten genau so bauen müssen. Nein, wir sind freie Menschen, wir bauen die Gruben, wie wir wollen.» Das sind Prozesse gewesen, in denen Anarchie, Freiheit und Chaos Strukturen hervorgebracht haben, die man begleiten musste. Das war ein schwieriges Spiel.

Wie muss ich mir das Leben und den Alltag im Flüchtlingslager Zaatari vorstellen?

Die Menschen haben relativ schnell durch Eigeninitiative Läden eingerichtet. Sie versuchten, sich Individualität zu schaffen. Sie waren beispielsweise sehr damit beschäftigt, aus den Zelten und später den Wohncontainern ihre eigenen Lebensräume zu schaffen. Oder auch Handel zu treiben. Es war der Versuch, sich ein normales Leben aufzubauen. Doch die Flüchtlinge mussten leider zu viel Zeit damit zubringen, an Verteilungspunkten irgendwelches Zeug einzusammeln. Das ist entwürdigend: Man steht sechs Stunden an, damit einem irgendjemand etwas gibt, das man so gar nicht haben will. Lebensmittel, Windeln, Wasser, Hygieneartikel, Gas für die Heizung.

Womit hätten die Menschen in Zaatari besser ihre Zeit verbracht?

Ich habe immer gesagt, ich muss Verantwortung dafür tragen für das, was ich produziere und konsumiere – Müll, Strom, Wasser. Ich möchte also die Menschen dazu bringen, Dinge selbst herstellen zu können. Als die Stadt Amsterdam anbot, Fahrräder in Zaatari zu verteilen, fanden die Menschen im Lager das gut, und sie waren schlau. Sie haben im Netz nach Fahrrädern gegoogelt, und nach drei Tagen machte im Lager der erste Fahrradladen auf. Die ersten Fahrräder aus Amsterdam kamen aber erst nach anderthalb Jahren. Die Menschen haben nicht darauf gewartet, dass jemand ihnen aus Europa Räder schickt, sondern haben das selbst über Händler in Jordanien organisiert. Sie haben sogar E-Bikes in Eigenproduktion gebastelt, für all die Menschen im Lager, die ihre Beine verloren hatten und Prothesen trugen. Not macht erfinderisch!

Also gibt es noch Hoffnung in Zaatari?

Nun ja, ich habe immer mehr Resignation seitens der Flüchtlinge bemerkt. Es gab eine Phase, in der mehr Kooperation, mehr Engagement spürbar war. Es wurde mehr in die eigenen Behausungen investiert in dem Wissen, dass man wohl mehrere Jahre in Zaatari aushalten muss. Als ich 2014 die Leitung des Lagers aufgab, dachten viele, dass sie den Rest ihres Lebens in diesem Lager zubringen müssten, so wie viele andere Flüchtlinge auch.

Nach 25 Jahren beim UNHCR zu kündigen, ist eine grosse Entscheidung. Sind Sie in Zaatari gescheitert?

Nein. Ich hatte einfach die Nase voll von grossen Institutionen. Vor Zaatari war ich in Mogadischu, das zweite Mal. Dort war ich ein Jahr lang der humanitäre Koordinator und stellvertretender Sicherheitskoordinator für Somalia. Ich habe dort sehr viel Schlechtes erlebt in Bezug auf Korruption.

Inwiefern?

Alle Hilfsorganisationen sassen in Nairobi und wollten gar nicht in Mogadischu arbeiten, sondern auf Distanz. Unheimlich viele Sachen sind dort einfach so verschwunden, es war sehr mühsam. Auch in Zaatari hätte man viel mehr machen können und müssen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es diese grossen, schwerfälligen Institutionen trotz aller Innovationsbemühungen nicht schaffen. Ich musste mich da irgendwie ausklinken. Ich habe nicht nur meinen Job gekündigt, ich habe mein Beamtentum aufgegeben. Der lange Marsch durch die Institutionen, den wir früher mal propagiert haben – das funktioniert nicht. Man muss ausserhalb der Institutionen versuchen, Veränderungen zu provozieren.

«Ebola wurde erst dann wirksam bekämpft, als sich die Industrie eingeklinkt hat, weil sie befürchteten, dass ihnen Afrika als Rohstofflieferant verloren ginge.»

Warum funktioniert das nicht innerhalb des Systems der grossen Hilfswerke?

Weil wir von der Almosenmentalität wegkommen müssen und von dieser riesigen Hilfsmaschine, die mehr als Zweidrittel des wenigen zur Verfügung stehenden Geldes auffrisst. In Griechenland arbeiten Dutzende offizielle Organisationen mit Hunderten internationalen und nationalen Mitarbeitern. Ich bin davon überzeugt, dass da im Monat 15 bis 20 Millionen Euro nur für Gehälter ausgegeben werden, um – in Griechenland, sprich in Europa – Hilfe für 60 000 Flüchtlinge zu organisieren. Das ist der totale Wahnsinn: eine Viertelmilliarde Euro im Jahr! Kein Wunder, dass es den Flüchtlingen dort dreckig geht, das Essen schlecht ist, die Zelte miserabel. Man hätte von diesem Geld mit einem System wie der Smartcard jedem Flüchtling 2000 Euro im Monat zahlen können. Stattdessen wird dieses Geld einfach rausgeschmissen.

Sie wollen Unternehmen mit Flüchtlingslagern und -projekten vernetzen, um so Spenden durch Firmen zu ermöglichen. Ist das die Zukunft der Flüchtlingshilfe?

Das ist zunächst ein Konzept. Es gibt für jedes Problem eine Technik, ein Management, eine finanzielle Lösung. Nehmen wir den Bürgermeister von Dohuk im Irak, der hat anstatt 600 Tonnen Müll pro Tag 2000 Tonnen Müll, weil er jetzt mit den Geflüchteten 100 000 Menschen mehr in seiner Stadt hat. Wo kriegt der die richtige Technologie her, um diese Menge an Müll zu verarbeiten? Was ist das beste Wirtschaftsmodell dafür, welche Recyclingtechnik kann ich dafür nutzen? Und dann natürlich die Finanzen.

Welche Rolle spielen Sie dabei?

Mir geht es derzeit darum, ein Werkzeug zu entwickeln. Das soll auch der etwas technische Name meines Start-ups Switxboard ausdrücken, denn bei einem Switchboard, einer Schaltanlage, geht es ja darum, Sachen zusammenzustöpseln. Ich habe gedacht, ich muss dieses Tool selbst entwickeln, habe dann aber gemerkt, es gibt ja schon viele Vernetzungsinstrumente. Ich baue zudem gerade eine Projektentwicklungsgesellschaft in München auf mit Profis aus dem Bankwesen und der Wirtschaftsberatung. So begleite ich beispielsweise eine Geschäfts- oder Produktidee von Geflüchteten aus, sagen wir mal, Griechenland, von der technischen Prüfung über das Management bis hin zur Anwendung. Switxboard fungiert dabei als eine Art Inkubator.

Besteht da nicht die Gefahr, dass die Wirtschaft die Lage der Geflüchteten für ihre Zwecke nutzt, um günstig an Ideen und Arbeitskraft heranzukommen?

Humanitäre Hilfe ist Abhängigkeit. Big Business ist Ausbeutung. Wir haben über Fair Trade geredet, Fair Investment, Value Sharing. Und damit meine ich diejenigen, die sich mit dem Thema Hilfe und deren sozialer Wirkung auseinandersetzen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, und der Kapitalismus als solcher hat über das vergangene Jahrhundert reinen Raubbau betrieben, ist wenigen sozialen Verpflichtungen nachgekommen. Damit hat er sich ins eigene Fleisch geschnitten.

Und Sie glauben, dass der Kapitalismus das nun wiedergutmacht?

Nehmen wir die erste industrielle Revolution, als die Kapitalisten gemerkt haben, dass ihnen die Arbeiter wegsterben. Auf einmal gab es sozialen Wohnungsbau. Dann gab es Transportsysteme, mit denen die Arbeiter zur Arbeit kommen konnten. Erholungsheime wurden gebaut. Wir haben einige Bespiele, wo sich der Privatsektor reingehängt hat, wo dann auf einmal Probleme gelöst wurden. Natürlich zu ihrem eigenen Vorteil, aber letztlich auch zum Vorteil für die Gesellschaft. Es gibt Minengesellschaften, die haben Malaria in ihren Gebieten ausgemerzt, weil sie zu viele Arbeiter verloren. Ich behaupte, Ebola wurde erst dann wirksam bekämpft, als sich die Industrie eingeklinkt hat, weil sie befürchteten, dass ihnen Afrika als Rohstofflieferant verloren ginge. Plötzlich trafen Geld, Power und Know-how zusammen. Deshalb arbeite ich gern mit grossen Firmen, die solches Know-how und das entsprechende Geld mitbringen. Natürlich kann und muss man die auch für ihr Verhalten kritisieren. Ich glaube aber, dass viele immer mehr aus der Haltung des Raubtierkapitalismus herauskommen wollen.

«Es kommen deshalb so wenige Menschen zu uns, weil irgendwo auf der Welt viele arme Menschen solidarisch sind.»

Wie kann man einem Normalbürger vermitteln, was es heisst, als Flüchtling zu leben?

Ich habe sehr wenig Kontakt zu sogenannten Normalbürgern. Leider. In Wien, wo ich lebe, habe ich vor allem Kontakt zu Menschen, die sich darüber Gedanken machen, wie wir Normalität und Menschlichkeit gemeinsam hinkriegen. Wir leben oft in einer Blase unter Gleichgesinnten. Das führt zu einer Polarisierung. Die Gutgesinnten bestärken sich, die Wut und Angstbürger bestärken sich. So kommt es zu keinerlei Dialog.

Ist die sogenannte Flüchtlingskrise ein Weckruf?

Ja, natürlich ist das ein Weckruf, und das ist wirklich sehr gut. Die Gesellschaft hat sich wieder politisiert, im Guten wie im Schlechten. Wir engagieren uns wieder in verschiedenen Formen. Insgesamt beschäftigen wir uns wieder mit uns selbst, mit unserer Gesellschaft.

Ereignisse wie der Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin oder die viel diskutierte Kölner Silvesternacht helfen nicht gerade dabei, dass Angst abgebaut wird. Was kann man tun, damit die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht noch weiter auseinanderdriften?

Es wird wohl weiter zu terroristischen Anschlägen kommen. Das heisst für mich, es ist eine noch grössere Anforderung für uns alle, Integration  voranzutreiben und Perspektiven zu schaffen. Natürlich müssen wir die Menschen, die zu uns kommen, erfassen, registrieren. Aber wir müssen für diese Menschen auch so viele Perspektiven wie nur möglich schaffen. Die Frage, wer findet überhaupt Arbeit und wie schnell, ist ein wichtiges Thema. Die Flüchtlinge können von vornherein gar nicht unseren Ausbildungsstandards genügen, weil sie 99 Prozent unserer Berufe gar nicht kennen. Ein Automechaniker aus Kabul wird keinen modernen BMW reparieren können. Er muss das lernen. Deshalb will ich viel mehr Investitionen dafür, dass Flüchtlinge in moderne Berufe kommen. Ein Problem dabei ist, dass durch die enorme Verschuldung der Geflüchteten ein wahnsinniger Druck auf ihnen lastet, sehr schnell viel Geld zu verdienen.

Was braucht es, um empathisch zu sein?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die grösste Solidarität für fliehende Menschen auf der Welt von armen Menschen gestemmt wird. Die meisten Flüchtlinge sind bei armen Menschen untergekommen. 2009 war ich gerade in Peshawar, als es die grossen Kämpfe zwischen den Taliban und der pakistanischen Armee gab. Und auf einmal kommt da ein Tsunami aus Autos, Bussen und Lastwagen das Swat-Tal hinunter: Zweieinhalb Millionen Menschen innerhalb einer Woche verteilten sich auf Peshawar und das Gebiet. Innerhalb von zwei Wochen haben die Leute dort es geschafft, mehr als 500 000 Menschen in Lagern unterzubringen. Die restlichen zwei Millionen Menschen kamen nicht in Lagern, sondern bei der armen Bevölkerung unter. Es kommen deshalb so wenige Menschen zu uns, weil irgendwo auf der Welt viele arme Menschen unheimlich solidarisch sind. Wir sind hierzulande nicht in Gefahr.

Wie stehen Sie zu Merkels Flüchtlingspolitik?

Ich würde ihr sagen, dass sie leider die Chance, eine visionäre Politik in Bezug auf Migration und Flucht zu machen, nicht genutzt hat. Wir zahlen im Augenblick den Preis dafür, dass wir bei dieser doch positiven Stimmung im gefühlten Chaos nicht robuster an einer Vision für die nächsten zehn Jahre in Bezug auf Migration in Deutschland und Europa gearbeitet haben. Und das gerade, weil Angela Merkel nichts unternommen hat, um die legale Migration zu fördern und zu strukturieren. Und weil sie nicht gesagt hat, wir machen jetzt ein Programm für Wohnungsbau und Arbeitsbeschaffung, also die grossen sozialen Themen nicht gesamtgesellschaftlich genutzt hat. Erst dadurch, dass sie es nicht richtig gemanagt hat, ist es überhaupt zu einer Art Krise geworden.

 

Kilian Kleinschmidt (54) arbeitete 25 Jahre lang in Krisenstaaten für das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), zuletzt als Leiter des Flüchtlingslagers Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze mit 100000 Flüchtlingen, 60000 davon Kinder. Heute arbeitet er als Politikberater zu den Themen Flucht und Migration und hat unter anderem das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und das österreichische Innenministerium beraten. Er leitet die Hilfsorganisation IPA (Innovation and Planning Agency). Er ist Vater von sechs Kindern und lebt mit seiner Frau in Wien.