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Körperkult
Ausweitung der Kampfzone

Die junge Schweizerin Morena Diaz verfiel einst im Sog der Sozialen Medien dem Schlankheitswahn. Heute beklatschen über 41'000 Follower auf Instagram Fotos ihrer Bauchröllchen. Die Geschichte einer Befreiung.

«Morena, zieh den Bauch ein!» Sechsjährig war sie, stand neben ihren Cousinen am Strand, ein Urlaubsfoto. Nie wird sie diesen Satz vergessen.

17 Jahre später, Sommer 2016. Wieder ein Strand, Urlaub auf Formentera, wieder ein Bikinifoto. «Boah, ist mein Bauch flach», freut sich Morena Diaz. Der Grund: Lebensmittelvergiftung, schlechten Fisch erwischt. Drei Tage lang war ihr übel gewesen, hatte sie sich von Zwieback und Bananen ernährt. Sie ertappte sich beim Gedanken, ihrem Freund vorzugaukeln, noch ein paar Tage weiter nichts essen zu können. Doch sie sagte zu sich selber: «Nein Morena, du tust dir keinen Gefallen, wenn du jetzt wieder damit anfängst!» Anstatt das Aufflammen der Versuchung in ihrem Inneren zu verstecken, schreibt sie diese Gedanken in einen Blogbeitrag, lässt die Follower in ihren Kopf schauen. 

Das Verlangen, dünn zu sein, es hatte mehrere Jahre lang Morenas Leben bestimmt. Unzählige Nächte lag sie mit Kopfschmerzen im Bett, weinte, ihr Magen knurrte. Versagerin, ich bin so eine Versagerin, dachte sie immer wieder.

Blogeintrag vom 23. März 2014: «Ich habe für meine Verhältnisse ziemlich viel Schokolade gegessen. Einen kurzen Augenblick lang stieg Verzweiflung in mir auf. Gedanken wie ‹Oh gott, wieso kann ich nicht aufhören?!› oder ‹Oh gott, das wird sich sicher noch auf meine Figur auswirken› schiessen mir durch den Kopf.»

Die Aargauerin Morena Diaz, bald 24 Jahre alt, gehört heute zu den erfolgreichen Bloggerinnen der Schweiz. Sie fotografiert ihren runden Bauch im eng anliegenden Kleid. Stellt das Bild auf Instagram und schreibt darunter: «Ich sehe aus wie schwanger.» Dahinter setzt sie ein Smiley. Unter Fotos von Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln setzt sie den Hashtag #TeamSelbstliebe. Und auf ihrem Blog schreibt sie: «Ich dachte, mein Körper sei nicht gut genug für unsere Gesellschaft. Ich dachte immer, ich müsste ihn verändern, disziplinieren, fordern und bestrafen.» Ihre ehrliche Art ist gefragt: Mehr als 41 000 Menschen folgen ihrem Instagram-Profil, die Zahl steigt stetig. Auch Firmen haben die Marke Morena entdeckt, setzen sie für Kooperationen ein. Morena erzählt ihre Geschichte ohne Filter. Es ist die Geschichte ihres Kampfes gegen den Selbsthass, gegen eine Essstörung, gespiesen aus der virtuellen Gegenwelt der Sozialen Medien.

Dünner sein wollte Morena schon immer. In der fünften Klasse war eine Freundin von ihr zwei Wochen krank und verlor stark an Gewicht. Die Mitschüler machten ihr Komplimente – und Morena wünschte sich, auch krank zu sein. In der Oberstufe riefen ihr die Jungs «Fette Kuh!» zu. Zuhause tröstete sie ihre italienische Mama: «Dein Bäuchlein ist vielleicht grösser als bei den Schweizer Kindern, aber du hast schon immer gerne gegessen und das sollst du auch weiterhin.»

Biologie ist nicht Schicksal. Der Körper ist ein Makel, den es zu korrigieren, ein Kunstwerk, das es zu gestalten gilt. So beschreibt die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach den Zeitgeist in ihrem Buch «Bodies: Schlachtfelder der Schönheit». Die mittlerweile 70-jährige Londoner Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin befasst sich schon ihr halbes Leben lang mit der Thematik. Ihr erstes Buch hiess «Fat is a Feminist Issue» und eroberte 1978 die internationalen Bestsellerlisten. Ihre Analysen zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen und Ursachen von gestörtem Essverhalten haben nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Die Probleme, die sie Ende der Siebzigerjahre zu beschreiben versuchte, hätten sich massiv ausgebreitet, schreibt Orbach in «Bodies». Vielen Menschen erscheine es heute normal, sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen. Eine Befragung der Gesundheitsförderung Schweiz bestätigt dies: 60 Prozent der Mädchen zwischen 13 und 17 wären gerne schlanker, gleich viele haben bereits eine Diät gemacht. Drei Viertel der Jungs wünschen sich mehr Muskeln. Hier setzt Orbachs Gesellschaftskritk an: Sie fragt, weshalb sich Millionen Menschen einem Schönheitsideal unterwerfen, das beinahe alle von Anfang an ausschliesst.

17. Juli 2014: «Auf dem Weg, ein möglichst perfekter Mensch zu werden, vergessen wir, was LEBEN heisst. Und damit noch nicht genug! Traurigkeit, Stress und Egoismus sind dauernd zu Besuch.»

Für Morena beginnt das Unheil im April 2013. Sie ist 20 Jahre alt, besucht den Vorkurs der pädagogischen Hochschule. Zwei Tage Unterricht pro Woche, viel Freizeit. Sie verfängt sich im Universum der Fitness-Blogger. Deren Motto: mit Wille und Disziplin zum Traumkörper. Wer scheisse aussieht, ist selbst schuld. Unter dem Hashtag #TransformationTuesday präsentieren sie jeden Dienstag Vorher-Nachher-Bilder ihrer schrumpfenden Bäuche und Gesässmuskeln, die sie «definiert» nennen. Morena ist begeistert: «Wenn die das alle können, kann ich das auch.»

Sie entdeckt eine Amerikanerin, die für ein DVD-Programm wirbt, mit dem sie selber stark abgenommen hat. Morena kehrt jeden Tag auf ihr Instagram-Profil zurück und ist schliesslich überzeugt: Sie bestellt sich die DVD, rund 120 Franken für das Versprechen «zum Beachbody in nur zwei Monaten». Der Einsatz: 45 Minuten abrackern, sechs Tage die Woche. Hampelmänner, Sprünge, sprinten auf der Stelle, immer synchron mit der gestählten Fitnesstrainerin auf dem Fernsehbildschirm. Die Nachbarn kommen wegen des Lärms, Moreno kümmert es nicht, sie schwitzt weiter im Wohnzimmer. Manchmal wird ihr schwarz vor Augen. Trotzdem geht sie zusätzlich jeden Tag joggen. Und stellt ihre Ernährung um: zuerst gesünder, dann weniger. Nach zwei Monaten kauft sie sich die erste XXS-Jeans. Rückblickend sagt sie: «Ich hatte ja keine Ahnung von Ernährung. Jetzt wüsste ich die Wege zum Abnehmen, aber ich beachte sie nicht mehr.»

Damals denkt sie: Endlich, endlich sehe ich so aus, wie sich es alle immer wünschten. Und endlich so wie ihre allzeit gestählten Vorbilder auf Instagram. Zu Beginn erhält sie Komplimente, von der Familie, von Freunden. Alle wollen wissen, wie sie es geschafft habe abzunehmen. Morena ist so motiviert, dass sie andere ansteckt: Ihre Mutter, die Tante, zwei Cousinen und ein paar Freundinnen kaufen sich dasselbe DVD- Programm. Morena freut sich – und lässt vom Teller weg, was sie weglassen konnte. Zum Mittagessen ein Häufchen grünes Gemüse und ein Stück Fisch. Nie Lachs, denn Lachs hat Fett. Als sie im Sommer 2013 ihren Vater in Spanien besucht, erkennt der seine Tochter kaum wieder. Die Grossmutter weint, sie will Morena zwangsernähren.

Für Frauen gilt die Direktive dünn und grosse Brüste, für Männer schlank und muskulös. Diese Schönheitsnormen haben sich in den letzten Jahrzehnten verengt, schreibt Psychotherapeutin Orbach. Zwar ist das Streben nach Schönheit keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Doch nie zuvor hätten gesellschaftliche Normen so viel Druck auf Menschen zwischen sechs und 80 Jahren ausgeübt. Die Unsicherheit dem eigenen Körper gegenüber und die obsessive Beschäftigung mit ihm werden Kindern laut Orbach bereits in der Familie vermittelt: zum Beispiel durch die Mutter, die sich über ihre Figur beklagt und sagt, dass sie dieses oder jenes nicht essen sollte. So halten es Kinder für normal, dass mit ihrem Körper etwas nicht in Ordnung ist.

27. März 2014: «Ach scheisse, jetzt ist es schon die zweite Schüssel Milch mit Corn Flakes. Was ist nur los mit mir?? Egal ... jetzt habe ich eh schon zu viel Müll gegessen, auf ein bisschen mehr oder weniger kommt es nicht drauf an.»

Im September startet das Studium an der Pädagogischen Hochschule, Morena hat weniger Zeit für Sport. «Ich war psychisch so stark unter Druck und hatte mega Angst zuzunehmen.» Der Teufelskreis beginnt. Morena, die mit ihrer Mutter wohnt, sitzt an ihrem Pult vor dem Laptop. Komplett überfordert mit einer Arbeit, die sie schreiben muss. In ihrem Kopf ist alles blockiert, ihre Gedanken kreisen seit Monaten nur um ihre Figur, Fitness und ums Abnehmen. Sie geht zum Küchenschrank, bricht ein Stück Schokolade ab. Zehn Minuten später nochmals. Dann immer wieder und wieder. Die erste Fressattacke von vielen. Fressattacken, die ihr nächstes Jahr dirigieren werden. Krampfhaft versucht Morena, die runtergeschlungenen Süssigkeiten wegzutrainieren. Sie befolgt jegliche Ratschläge aus dem Fitness-Universum, egal wie irr: Lege dich mit Sportkleidern schlafen, damit du beim Wecker um fünf Uhr morgens keine Ausrede hast! An Weihnachten sagen Verwandte zu ihr: «Wir sind froh, hast du zugenommen, du siehst wieder viel besser aus.» Morena hört nur das Wort «zugenommen» und zerbricht innerlich. Wenn Morena von dieser Zeit erzählt, bleibt sie ernsthaft. Sie legt kaum Pausen ein. Man merkt, dass dieses Thema ein grosser und wichtiger Teil ihres Lebens ist – und doch wirkt es, als spreche sie über etwas Alltägliches.

22. September 2014: «Eine selbstbewusste Haltung und eine innere Zufriedenheit lassen dich gelassen und schön aussehen. Wenn dich dein Spiegelbild so dermassen stört, dann höre auf, in den Spiegel zu sehen. Das setzt dich nur unnötig unter Druck und dünner wirst du dadurch auch nicht (ich weiss, wovon ich rede!).»

Morenas Feindbild lauerte im Spiegel. In jeder Autoscheibe, in jedem Schaufenster sieht sie ihren Bauch. Wie stark steht er heute raus? Anfang 2014 beginnt sie einen neuen Diätversuch, nimmt Teil an der «Sixpack-Challenge» eines Fitnessmagazins. Das Ziel: Bauchmuskeln in zwei Monaten. Für Morena heisst das: kein einziges Stück Schokolade, abgesehen von ihrer Geburtstagsfeier am 26. Januar. Am Vorabend hat sie dermassen Angst vor dem Zunehmen, dass ihr Freund den Teig für die Muffins kosten muss. Dann ist Ende Februar, und Morena hat keine Bauchmuskeln. Wieder ist da dieses bekannte Gefühl: eine Versagerin zu sein. Morena kann nicht begreifen, wieso sie nicht einfach sein kann wie ihre Vorbilder auf Instagram. Die Fressattacken nehmen eine neue Dimension an. Sie isst einen halben Tag nichts, stopft dann alles in sich rein, Milchschokolade, M&M’s, Toffifees, Schokoladenbrötli, Milch mit Cornflakes. Bis sie vor Bauchschmerzen nicht mehr schlafen kann. Und sich fest vornimmt, am nächsten Tag wieder nichts zu essen. «Ich fühlte mich überflüssig für diese Welt, wie ein unkontrolliertes Monster, das mit dem Essen nicht mehr aufhören kann.» Bis zu jenem Samstag, als sie weinend zwischen ihrem Zimmer und der Küche hin und her geistert. Kurz vor dem Mittag schaut ihre Mutter in den Abfalleimer und fragt erschrocken: «Hast du das jetzt alles gegessen?» Morena nickt. Erleichterung breitet sich in ihr aus, endlich bemerkte es jemand. «Willst du darüber reden?», fragt die Mutter. «Nein», sagt Morena. «Ich habe schon länger das Gefühl, dass mit dir etwas nicht stimmt. Aber ich habe mich nicht getraut, dich zu fragen», sagt die Mutter.

Morena ruft noch am selben Tag ihre Cousine an, eine Psychologin. Sie weiss, dass sie ihr Leben ändern muss. Und beginnt damit dort, wo alles anfing: im Internet. Auf ihrem Blog lässt sie ihren Gedanken freien Lauf. «Ich kam mir vor wie ein Alien mit meinen Fressattacken und hoffte, durch den Blog jemanden zu finden, der gleich fühlt wie ich», sagt sie. Die ersten Nachrichten ploppen bald in ihrem Postfach auf. Mitleidende, die erleichtert sind, dass endlich jemand den Mut hat, über das Tabu zu sprechen. Je mehr Menschen Morena schreiben, desto wütender wird sie auf die Gesellschaft.

User-Kommentar auf Morena Diaz’ Blog am 15. Juni 2015: «Du spricht mir aus der Seele Morena ... Und doch ist es so schwer heut zutage stolz auf seinen Körper zu sein! Du bist ein tolles Vorbild.»

Noch aber hat sich Morena nicht von der Vorstellung eines idealen Körpers gelöst. Im Sommer 2014 startet sie eine letzte dreiwöchige Diätkur: 500 Kalorien pro Tag, propagiert von einer Fitness-Bloggerin auf Instagram, die durch die Werbung ihr Geld verdient. Morena hält sich die Nase zu, damit sie die Eiweiss-Shakes trinken kann. Danach ist sie völlig entkräftet, psychisch wie körperlich. «Ich war müde von dem ganzen Abnehmen und Zunehmen.»

Sie löscht alle Fitness-Blogger aus ihrem Instagram-Account, kauft sich das Buch «Intuitiv abnehmen», das eigentlich nichts mit Gewicht verlieren zu tun habe, wie sie sagt. Vielmehr wolle es vermitteln: Hör auf deinen Körper.

Morena liest das Buch in einem Tag durch. Sie versucht, nur dann zu essen, wenn sie wirklich Hunger verspürt. Und nur das zu essen, worauf sie Lust hat. Sich auf das Essen zu konzentrieren, keine Ablenkung durch TV, Radio oder Handy. Morena nimmt sich vor, fremde Meinungen zu ignorieren. Sie schminkt sich nicht mehr. Fragil ist sie trotzdem: Oft geht sie in dieser Zeit in Leggins oder Trainerhosen aus dem Haus, weil Jeans an ihrem Bauch drücken und sie sich dadurch nicht verunsichern lassen will. Und mit Leichtigkeit hat auch diese Selbsttherapierung wenig zu tun: Hin und wieder überkommen sie Fressattacken, frustrieren sie, doch sie sagt sich selber: «Das hat mich so viel Zeit, Mühe und so viele Tränen gekostet, ich muss streng mit mir sein und nicht essen, wenn ich keinen Hunger empfinde.» Die Angst, sich zu überessen, ihr intuitives Gefühl von Hunger und Sättigung wieder zu verlieren, verspürt sie noch heute manchmal.

17. Januar 2015: «Andere, die in unseren Augen diesem Idealbild viel näher sind als du oder ich. Andere, die in deinen Augen perfekt sind ... und dann sieht man sie an und fragt sich, ob sie wohl zufrieden mit sich selber sind. Bestimmt sind sie es. Sie haben ja keine sichtbaren Makel.»

Ändere deinen Körper, werde glücklich, gehöre dazu – so fasst Psychotherapeutin Susie Orbach das Motto der milliardenschweren Mode-, Schönheits- und Ernährungsindustrie zusammen. Werbung im Fernsehen, auf Plakaten, im Internet: Orbach schätzt, dass wir wöchentlich 2000 bis 5000 Fotos digital manipulierter Körper sehen. Diese Bilder würden uns von denjenigen präsentiert, die vom Körperhass profitierten. «Und so wird der Anspruch, den Körper ständig zu verändern und anzupassen, zu einem Diktat, das wir als selbstverständlich hinnehmen», sagte Orbach 2010 in einem Interview mit der Basler Zeitung. Für jeden sogenannten Mangel gebe es Abhilfe, und das werde nicht als repressiv empfunden, sondern als Chance, etwas aus sich zu machen.

Das Problem liege darin, dass alle Bilder dasselbe Ideal zeigten, schreibt Orbach. Als 1995 auf Fidschi, einem Inselstaat im Südpazifik, erstmals ein US-amerikanischer Fernsehkanal startete, waren drei Jahre später zwölf Prozent der jugendlichen Fidschianerinnen bulimisch. Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, die Forscher befragten rund 130 einheimische Mädchen, doch ähnlich breiteten sich Essstörungen auch in Ostdeutschland nach dem Fall der Mauer aus. Körperhass als westlicher Exportschlager, nennt Orbach diese Phänomene. Deshalb sei die Betonung von Verschiedenheit und Vielfalt wichtig. Für die Kosmetik-Firma Dove hat Orbach eine Werbekampagne mitentwickelt, in der «normale» Frauen, alt und jung, die Vielfalt von Frauenkörpern repräsentieren.

Auch die Modekette H&M lancierte kürzlich einen Werbespot, in dem neben dünnen auch molligere und sehr muskulöse Frauen durchs Bild tanzen. «Wahrscheinlich ist das bloss fürs Marketing, weil Individualität gerade ein bisschen im Trend liegt», sagt Morena. Doch schlimm finde sie das nicht, Hauptsache andere Körperformen erhielten eine Plattform. «Dadurch fühlen sich viele Menschen etwas akzeptierter.»

Die Werbeindustrie scheint das Potenzial von Kurven entdeckt zu haben. Morenas authentische Art und ihr Erfolg auf Social Media bringen ihr viele Anfragen für Marketing-Kooperationen. Sie empfehle nur Produkte, die sie selber kaufen würde, erklärt die Bloggerin ihren Follower immer wieder. Ihre Glaubwürdigkeit sei ihr wichtig. Mit der Werbung für Müesli, Onlineshops oder Makeup-Produkte verdient sie sich ein Taschengeld.

Geholfen hat Morena, was sie einst in die Misere zog: die Sozialen Medien. Sie schlitterte hinein in die Wirren des digitalen Universums, fühlte sich auf dem Höhepunkt, als sie eigentlich tief unten war. Bis sie sich entschied, die Regeln zu ändern. Ihre Follower beklatschen Morenas Fotos auf Instagram, zum Beispiel ein Vorher-Nachher-Bild. Links ein dünnes Mädchen, rechts eine strahlende Frau, die sich durch das lockige Haar fährt. Hashtag: #BodyPositivity. Die Community, sagt Morena, habe ihr geholfen, an sich zu glauben und weiterzumachen. Eine wichtige Komponente war auch ihr Selbstbewusstsein: «Ich habe mich immer hübsch gefühlt, also das Gesicht. Das half mir sicher.» Ihrem Freund, mit dem sie seit fast sieben Jahren zusammen ist, ist Morena heute «uuh dankbar». Er habe immer Verständnis gezeigt, egal wie oft sie ihn angezickt habe, weil sie entweder hungrig oder übersättigt war.

29. November 2016: «Ich habe keine Makel! Ja, du hast richtig gelesen. Makel sind eigentlich Eigenschaften, die von der Gesellschaft als unerwünscht betrachtet werden. Makel gibt es nur, weil die Gesellschaft es so bestimmt hat. Aber im Grunde gehören diese Eigenschaften zu uns, weil sie in unseren Genen liegen.»

Bloggerinnen wie Morena geben Susie Orbach Hoffnung: «Würden wir statt ständiger Fotos von dünnen Frauen solche von Frauen jeglicher Statur sehen, dann hätten wir nicht immer das Bedürfnis, unsere Figur verändern zu wollen.» Ansonsten sieht Orbachs Prophezeiung eher düster aus. Seit fast vier Jahrzehnten warnt die Feministin vor dem Schönheitswahn. Sie fordert die Menschen auf, mehr Variationen von Körpern zu akzeptieren, die Mütter dazu, gute Vorbilder zu sein und sich gegen die Diätindustrie zu wehren. An dieser Front kämpft Morena mit. Als Primarlehrerin stellt sie sich bewusst ungeschminkt vor ihre Schülerinnen und Schüler, sie plant eine Vortragsserie und möchte irgendwann ein Buch veröffentlichen. Bis dahin versprüht sie Selbstliebe auf Social Media.

29.11.2016: «Indem du dich selbst bist, bist du schon ziemlich mutig, denn heutzutage ist das schon viel und fast unmöglich.»

Vor ein paar Wochen hat Morena wieder einmal die DVD in den Player gesteckt und synchron mit der Fitnesstrainerin auf dem Bildschirm Hampelmänner geschlagen. Nach sieben Minuten dachte sie ans Aufhören, nach einer Viertelstunde schaltete sie den Fernseher aus. «Ich mache heute nur noch, was mir Freude bereitet», sagt sie. Joggen zum Beispiel. Früher habe sie es gehasst, heute mag sie die Bewegung. Manchmal läuft sie zwei Mal pro Woche, dann zwei Wochen gar nicht. Den Kopf zerbricht sich Morena darüber nicht mehr. «Ich darf so aussehen, wie ich aussehe, auch mit ein paar Kilo mehr.» Der Prozess, das vorherrschende gesellschaftliche Ideal zu ignorieren, war nicht einfach. «Ich war lange Zeit mein eigener Feind, doch ich arbeitete daran, mein eigener Freund zu werden.» Sie hält kurz inne. «Oh, das ist ein gutes Quote! Das muss ich mir merken für ein Instagram-Bild.» Sie lacht. Ihre Botschaft posaunt Morena hinaus in die Weiten der virtuellen Welt, immer in der Hoffnung auf ein Echo.