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Challenge League
Protonensalat

Seit Ende Februar besuche ich an der ETH Zürich das Schnuppersemester für Flüchtlinge. Ich besuche dort Vorlesungen der Masterstufe in Informatik. Ich habe viel Spass an der ETH, auch ausserhalb der Vorlesungen.

In der Projektbeschreibung zum Schnuppersemester heisst es: «Haben Sie in Ihrer Heimat ein technisch-naturwissenschaftliches Studium angefangen oder abgeschlossen und möchten den Studienalltag an der ETH Zürich kennenlernen? Als Hörerin oder Hörer können Sie einzelne Lehrveranstaltungen besuchen und sich so mit den Anforderungen und Inhalten eines ETH-Studiums vertraut machen. Die Teilnahme gilt für ein Semester und ist kostenlos.»

Am Anfang war es für mich echt schwierig. Ich habe meinen Bachelor in Informatik 2008 im Irak abgeschlossen. Damals war ich jünger und gierig nach Wissen, seither habe ich aber viel vergessen.

Am besten gefällt mir die Polybahn, die vom Central hoch zur Uni fährt. Oft steige ich ganz vorne ein, wo die Bahn offen ist. Dann schaue ich auf die Strasse hinunter, auf die Autos und die Gebäude, und am Ende der Fahrt erscheint plötzlich die Stadt wie ein Meer aus Häusern. Dort oben denke ich dann darüber nach, was für Annehmlichkeiten die Technologie uns ermöglicht.

Beim Studium begleiten uns sogenannte Mentorinnen und Mentoren. Sie studieren selbst, geben uns Ratschläge und verbringen viel Zeit mit uns. Die meisten sind Schweizer, aber manche sind Ausländer. Mein Mentor zum Beispiel kommt aus Grossbritannien. Auch ausserhalb des Studiums erleben wir viel mit ihnen. Alle zwei Wochen versammeln wir uns in einem Café an der ETH und sprechen über das Studium oder anderes. Einmal hatten wir einen Spieleabend im ASVZ, dem Sportzentrum von Uni und ETH, und spielten alle zusammen Basketball.

Der ASVZ liegt unter der Polyterrasse, ich bin oft dort und mache bei jeder Gelegenheit Sport: zwischen den Vorlesungen oder am Abend. Es ist egal, ob Yoga, Basketball, Boxen oder Jazz Dance im Angebot sind, ich nehme überall teil. Ein Freund an der Uni machte sich lustig darüber und sagte mir, ich sei kein Sportler, sondern eher ein Sportsammler. Ich antwortete lächelnd: «Vielleicht bereite ich mich ja auf die Olympischen Spiele vor.»

Am wichtigsten aber war für mich die Besichtigung des CERN in Genf, denn ich interessiere mich sehr für Physik. Als wir morgens dort ankamen, gingen wir direkt in einen kleinen Hörsaal. Dort sprach ein alter Professor über das Weltall und die Galaxie, über Elektronen und noch kleinere Teilchen. Ich wurde echt müde von all den Dingen: jene, die man sich kaum vorstellen kann, danach die sichtbaren Sachen, und zum Schluss die kleinsten Teilchen, die nur Physiker mit ihren Mikroskopen sehen können. Wir witzelten auch viel über die Physik. Am Schluss fragte mich eine Mentorin, ob ich im CERN-Restaurant etwas gegessen hätte. Ich antwortete: «Ja, ich habe ein Paar Elektronen und Protonen gegessen, aber leider habe ich noch Hunger. Es war zu wenig.»

Ich finde das Programm von Uni und ETH eine Superidee, auch wenn es nur ein einfaches Schnuppersemester ist. Für gut qualifizierte Flüchtlinge kann es eine Chance sein, an ihrem einstigen Fachgebiet wieder anzuschliessen.

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