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Verkäuferinnenporträt
«Vielen herzlichen Dank!»

Emsuda Loffredo-Cular, 56, verkauft seit sechs Jahren Surprise. Nun arbeitet sie als Reinigungskraft bei einer Verwaltung und hat nur noch wenig Zeit für das Strassenmagazin.

«Seit Jahren stehe ich in Pratteln vor der Migros und verkaufe Surprise. Ich habe sehr liebe und nette Kunden, viele kaufen wirklich jede einzelne Ausgabe bei mir. Eine Dame, sie wohnt oberhalb der Migros im gleichen Gebäude, kommt jeden Tag zu mir herunter, um mir einen Kaffee und Guetsli zu bringen. Ich bekam sogar Kleidung geschenkt.

Seit ein paar Monaten habe ich einen neuen Job bei einer Ver- waltung. Ich arbeite als Hausabwartin, putze mehrere Treppenhäuser, ein Büro und eine Praxis. Manchmal treffe ich ehe- malige Kunden auf der Strasse oder im Tram, und sie fragen ganz besorgt: ‹Wo bist du? Bist du krank?› Dabei habe ich nur keine Zeit mehr für den Heftverkauf! Aber ich verspreche: Wenn ich Zeit habe, komme ich wieder nach Pratteln, um zu verkaufen. Es hat mir immer sehr viel Spass gemacht – ich kenne den ganzen Ort.

Im Surprise Strassenchor singe ich weiter mit: Ich habe viele sehr gute Freunde dort und fühle mich wie zuhause. Bei den Proben vergesse ich all meine Probleme. Das Singen tut mir gut und hat mir schon oft geholfen.

Mein neuer Chef bei der Hausverwaltung ist sehr gut. Ich arbeite zwar im Stundenlohn, aber zu guten Bedingungen. Ich kann meine Arbeitszeit selbst einteilen und habe genügend Zeit pro Auftrag. Das ist wichtig, denn dann kann ich in meinem eigenen Tempo putzen. Ich hatte bereits zwei Rückenoperationen und muss aufpassen. Solange ich aber langsam machen kann, ist alles in Ordnung. Und ich mache meine Arbeit gut, es kom- men keine Reklamationen. Auch der Lohn ist in Ordnung, ich muss nicht mehr so genau schauen, was am Ende des Monats noch übrig bleibt, wenn ich alle Rechnungen bezahlt habe.

Seit acht Jahren lebe ich in der Schweiz. Vorher habe ich in Zagreb, in Kroatien, gelebt. Dort habe ich als Hilfskranken- schwester und im Altersheim gearbeitet, in der Pflege. Aber ich verfüge über keinerlei Diplome, und mit meinem wenigen Deutsch konnte ich hier nicht im gleichen Beruf anfangen. So kam ich zu Surprise. Dort half man mir bei der Stellensuche. Was für einen Berg Bewerbungen ich geschrieben habe! Immer war jemand besser ausgebildet, konnte fliessender Deutsch oder war jünger als ich.

Eines Tages jedoch bekam ich eine Stelle in der Cafeteria des Kantonsspitals Basel. Ein Traumjob: gute Arbeitszeiten, ein tolles Team, und die Arbeit war nicht so anstrengend. Zudem konnte ich jeden Tag dort essen – die Kosten wurden einfach vom Lohn abgezogen. Dort hat es mir sehr gut gefallen. Doch dann wechselte der Chef, die Cafeteria wurde renoviert und das gesamte Personal ausgetauscht. Obwohl ich mich wieder für den Job bewarb, hatte ich kein Glück mehr. 

Also fing ich bei einer grossen Reinigungsfirma an – Surprise-Chorleiterin Ariane Rufino Dos Santos hatte mir die Stelle besorgt. Sie sprach einfach einen der Arbeiter auf der Strasse an – und am nächsten Tag konnte ich anfangen. Die Arbeit bei den grossen Reinigungsfirmen ist hart: Es herrscht viel Druck, es ist sehr anstrengend, und oft wurden mir weniger Stunden bezahlt, als ich effektiv gearbeitet hatte. Als ich das Angebot bekam, stattdessen abends eine Arztpraxis zu reinigen, hab ich sofort Ja gesagt. Darüber bin ich auch zu meiner neuen Stelle gekommen, der Chef der Praxis hat mich weiterempfohlen.

Nun bin ich sehr zufrieden und komme gut zurecht. Nur meine Surprise-Kunden in Pratteln fehlen mir, und ich möchte mich hiermit ganz herzlich für ihre Treue und Sorge um mich bedanken.