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Foto: Bodara GmbH

Verkäuferinnenporträt
«Ich habe zwar keine Lehre, aber ich putze gut und gerne»

Tsehay Bihane, 51, verkauft das Surprise Strassenmagazin in Pfäffikon ZH. Seit kurzem ist sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Ihr Traum: Sie möchte ihre kranke Mutter wiedersehen.

«Ich heisse Tsehay Bihane, komme aus Eritrea und verkaufe das Surprise Strassenmagazin in Pfäffikon im Kanton Zürich. In die Schweiz gekommen bin ich vor zehn Jahren. Mein ältester Sohn Michael, der heute 23 ist, hatte damals gesundheitliche Probleme. Wir sind nach Italien geflogen und dann in die Schweiz geflüchtet. Meine beiden jüngeren Kinder, Dejen (21) und Kisanet (19), kamen zwei Jahre später nach.

Ich liebe meine Arbeit als Surprise-Verkäuferin. Ich komme mit vielen Menschen in Kontakt und kann mein eigenes Geld verdienen. Und wenn einer mal kein Heft kauft, geht die Welt nicht unter. Die Kunden lieben mein Lachen. Ich bin eine Frohnatur, wie meine ganze Familie. Neu putze ich auch das Surprise-Büro in Zürich an der Kanzleistrasse. Nun bin ich nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Das macht mich stolz und dankbar. Den Verkaufsjob habe ich seit sechs Jahren.

Ich versuche auch andere Eritreer zu überreden, für Surprise zu arbeiten. Ich habe viel profitiert, das will ich niemandem vorenthalten.

Trotzdem: Manchmal wurmt es mich, dass ich keine andere Stelle finde. Ich denke, das ist, weil ich nur einen F-Ausweis habe. Ich habe zwar keine Lehre gemacht, aber ich putze gut und gern. Beim Verkaufen schmerzt manchmal mein rechtes Bein, besonders wenn ich lange stehe oder wenn es kalt ist. Das Leiden stammt vom Krieg. Ich war sieben Jahre lang Soldatin, von 1987 bis 1994. Das war Pflicht. Ich wurde am Bein ange- schossen. Und im Bauch habe ich einen Bomben- oder Stein- splitter. Ich weiss nicht genau, was es ist. Doch ich kann das Teil manchmal fühlen. Es wandert im Bauch umher. Darum haben es die Ärzte vermutlich auch nicht gefunden, als sie es rausoperieren wollten. Mir haben sie gesagt, es sei weg. Aber ich rede nicht gerne über den Krieg und seine Folgen. Das ist schon 26 Jahre her.

Drei Jahre nach dem Militärdienst kam Michael zur Welt. Ich bin stolz auf ihn. Er hat seine Lehre als Mechanikpraktiker Fach Elektro abgeschlossen und eine Stelle gefunden. Dejen hat Schreiner gelernt, Kisanet macht eine Lehre im Detailhandel. Michael hat als Einziger der Familie einen B-Ausweis. Wir anderen drei sind immer noch nur ‹vorläufig aufgenommen›. Und das nach acht oder zehn Jahren in der Schweiz, ich verstehe das nicht.

Seit zwei Jahren haben wir eine Wohnung in Pfäffikon. Nach unserer Ankunft in Chiasso wohnten wir für acht Monate in einem Heim in Oerlikon, danach in einem Heim in Pfäffikon. Insgesamt lebten wir acht Jahre lang in Heimen. Zuhause kann ich mich am besten beim Kaffeekochen entspannen: Erst

Tsehay Bihane, 51, verkauft das Surprise Strassenmagazin in Pfä ikon ZH. Seit kurzem ist sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Ihr Traum: Sie möchte ihre kranke Mutter wiedersehen.

wasche ich die grünen Kaffeebohnen und röste sie in einem Topf. Sind sie dunkel genug, zermahle ich sie. Ich gebe sie in einen speziellen Krug aus Eritrea. Darin erhitze ich den Kaffee mit Wasser, so dass er nie überkocht. Nach etwa drei Aufgüssen und rund einer Stunde Kochzeit ist der Kaffee fertig. Ich trinke ihn mit viel Zucker.

Sonntags gehen wir in die Kirche. Wir sind orthodoxe Christen und reisen für den Gottesdienst mal nach Schlieren, mal nach Zürich. Je nachdem, wo gerade ein Saal für uns frei ist. Wir sind gut vernetzt.

Mein Traum ist, dass ich meine Mutter wiedersehen könnte. Sie lebt in Eritrea in einem kleinen Dorf. Dort gibt es kein Telefon. Seit drei Jahren habe ich nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie ist nicht mehr mobil und kann nicht einfach in die nächste Stadt reisen. Seit das so ist, versuche ich eine Bewilligung für eine Reise nach Eritrea zu erhalten – bisher ohne Erfolg.» 

Publiziert im Surprise Strassenmagazin 405/17