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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 1: Die Wasserleiche

Vera Brandstetter fluchte. Beinahe wäre sie auf dem schlammigen Boden ausgerutscht. Sie spürte, wie das Wasser über den Rand ihrer Turnschuhe drang. Es waren Goretex-Turnschuhe, wasserdicht zwar, aber entwickelt für das Joggen im Regen, nicht für das Stehen in tiefen Pfützen. Das Malheur hätte sich vermeiden lassen, wenn sie geschaut hätte, wo sie hintrat, doch es war früh am Morgen und sie noch nicht lange wach.

An das Klingeln des Handys konnte sie sich nicht mehr erinnern, nur an die Stimme des Disponenten der Kriminalpolizei. Wasserleiche, Schnabelweiher, Einsatz waren die Elemente, aus denen sie sich schlaftrunken die Nachricht zusammenreimte, dass sie sofort aufstehen und los musste. Weil sie in der Nähe des Schnabelweihers wohnte, war ihr der Fall zugeteilt worden. Einmal mehr bereute sie, aus der Stadt weggezogen zu sein – unfreiwillig.

Renato, ihr Ex-Freund, war nach der Trennung einfach nicht ausgezogen. Ihre gemeinsame Wohnung lag mitten in der Stadt. Und weil er keine Anstalten machte zu gehen und sie keine Lust hatte, länger mit ihrem Ex inmitten seines dreckigen Geschirrs, seiner ungewaschenen Kleider und der einundzwanzig Paar Turnschuhe – die er, im Gegensatz zu allem anderen, liebevoll pflegte – auf vierundsechzig Quadratmetern zusammenzuleben, suchte sie sich eine neue Wohnung.

In der Stadt aber, in der sie 35 Jahre – ihr ganzes Leben lang – gewohnt hatte, fand sie nichts Bezahlbares. Stattdessen fand sie Thorsten, der eine Wohnung in Zürich hatte, wenn auch nur anderthalb Zimmer, so dass sie nicht zu ihm ziehen konnte. Dafür war es ohnehin zu früh. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, eine Zeit lang Single zu bleiben. Möglich, dass es auch an der Wohnung gelegen hatte, dass Thorsten ihr neuer Freund wurde. Sie liebte es, in der Stadt aufzuwachen und zu Fuss zur Arbeit zu gehen.

Meist aber wachte sie in ihrer Wohnung in der Agglomeration auf. Irgendwann hatte sie den Beteuerungen von Freundinnen und Kollegen geglaubt, dass es dort super sei. Mit der S-Bahn nur 25 Minuten in die Stadt! Sie hatten vergessen zu erwähnen, dass diese 25 Minuten stehend verbracht werden mussten, zwischen Kantonsschülern, aus deren Ohrstöpseln die hohen Töne ihrer Quatschmusik rieselten, die je ein unterschiedlich duftendes Haargel, Deo und Parfum oder Aftershave verwendeten, Handwerkern, die ihr Frühstückssandwich mit Red Bull hinunterspülten, Bürolisten, die es nicht erwarten konnten, mit der Arbeit zu beginnen und deshalb mit spitzen Ellbogen eifrig in ihre Laptops tippten oder lautstark Telefongespräche führten. Die Alternative war, morgens 45 Minuten im Stau zu stehen. Das war ihr lieber, wenigstens war sie dann allein mit ihrer Musik und ihren Gerüchen. Sogar rauchen war erlaubt, es war ihr Privatauto. Wenn sie es zu Dienstzwecken benutzte, bekam sie eine Entschädigung. Die für den Umstand, um diese Zeit in eine Pfütze zu treten und sich nasse Füsse zu holen, lächerlich tief war.

Während sie den schmalen Weg vom Parkplatz zum Weiher entlangging, fragte sie sich, ob es sich um einen TWB handelte. Tod wegen blöd. Das kam immer öfter vor, gerade bei jungen Männern, die irgendwelche halsbrecherischen Nummern riskierten, weil sie meinten, ihnen passiere ja sowieso nichts. Das Filmchen einer solchen Heldentat steigerte das Ansehen während Wochen, sogar richtig berühmt werden konnte man. Oder sterben. Wasser war besonders beliebt. Mit dem Velo hineinfräsen, von hoch oben reinspringen, mit sauglatten, aber untauglichen Gefährten darauf herumfahren. Bis es schiefging. Dann herrschte grosse Betroffenheit, und dieselben Leute, die eben noch fanden, dass Verbote grundsätzlich falsch seien und für sie ohnehin nicht gälten, bejammerten fehlende Sicherheitsmassnahmen und mangelnde Aufsicht: So etwas durfte doch nicht passieren. Doch, es durfte, weil Blödsein nicht verboten war, nur lebensgefährlich. Allerdings passten weder Tages- noch Jahreszeit zu einem TWB. Diese Fälle ereigneten sich im Sommer, an Wochenenden. Jetzt, Mitte Januar, war es eigentlich zu kalt für solchen Unfug, dachte sie, während sie sich unter dem rotweissen Absperrband durchduckte. Spurensicherung und Rechtsmedizin waren schon an der Arbeit. Es war also kein TWB. Sondern ein Mord.  

Folge 1 von Agglo-Blues erschien am 5. Januar 2018 in der Ausgabe 418 des Surprise Strassenmagazins.

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