Skip to main content

Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 2: Ein Chippendale

Was bisher geschah: Vera Brandstetter, 35, in die Agglomeration gezogene Kriminalpolizistin, wird frühmorgens an den Schnabelweiher bestellt, wo eine Wasserleiche gefunden wurde. Sie holt sich nasse Füsse, was ihre Laune nicht verbessert.

 «Ertrunken.» Myrta Keller, Rechtsmedizinerin und keine Freundin langer Einleitungen, deutete mit ihrem Laserpointer auf den Hinterkopf des Opfers. «Von hinten niedergeschlagen», der Pointer wanderte zu blauen Flecken am Hals. «Danach unter Wasser gedrückt, würde ich mit ziemlicher Sicherheit sagen.» Vera Brandstetter betrachtete die Leiche, die von der Spurensicherung auf eine weisse Plastikfolie gezogen worden war.

Der Tote trug knallgelbe Turnschuhe, enge schwarz-orange Leggins, eine blaue Sportjacke. Er war etwa eins fünfundachtzig gross und schlank, das kurzgeschnittene, mausbraune Haar lichtete sich am Hinterkopf. Sie kniete nieder und studierte das längliche Gesicht, die spitze Nase, die schmalen Lippen. Die Augen des Toten hatte die Rechtsmedizinerin bereits geschlossen.

«Wer hat ihn gefunden?» Brandstetter stand auf, Keller winkte einen Uniformierten heran.

«Jonas Fischer, Gemeindepolizist, Sie sind die Kollegin von der Kripo?»

Sie musterte ihn. Er war etwa Mitte dreissig, gross, breit, hatte ein kantiges Gesicht und stahlblaue Augen. Sah eigentlich viel zu gut aus für einen Dorfpolizisten. Fast erwartete sie, dass ein harter Beat losdröhnen und er sich mit geübten Bewegungen die Kleider vom Leib reissen würde, wie in dieser Stripshow, in die sie mal geschleppt worden war. Polizeiuniformen gehörten da zum Repertoire. Die keimfreien Fantasien, die ihr vorgeturnt worden waren, hatten sie mehr zum Lachen als zum Schmelzen gebracht. Die unangebrachte morgendliche Fantasie liess sie lächeln, als sie ihren Namen nannte und die Frage wiederholte.

«Eine Joggerin hat um viertel nach sechs bei der Notrufzentrale angerufen», erklärte Fischer.
«Da war es doch noch stockfinster.»
«Die Frau war mit Stirnlampe unterwegs. Die silbernen Streifen an der Wade der Leiche haben reflektiert. Sie hat die 117 gewählt und Meldung gemacht.»
«Ist sie hier?»
«Nein, sie musste zur Arbeit. Aber sie steht zur Verfügung.» Brandstetter deutete auf die Spurensicherung und die Rechtsmedizinerin. «Haben Sie die aufgeboten?»
«Ja klar», entgegnete Fischer stolz.
«Das ist eigentlich meine Aufgabe.» Sie ärgerte sich, obwohl sie eigentlich froh war, dass sie nicht auch noch lange hatte herumstehen und warten müssen.
«Sorry, wir machen das immer so.» Brandstetter, die wusste, dass das nicht stimmte, spürte Wut aufsteigen und atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn. Sie hatte noch keinen Kaffee gehabt. Sie hatte verschlafen. Es war spät geworden gestern Abend. Sie nahm sich fest vor, ihr Netflix-Abo wieder zu kündigen. Sie hatte eigentlich geplant, einen Dok-Film über Scientology zu schauen, war dann aber bei einer Thriller-Serie hängengeblieben, in die sie nur schnell reinschauen wollte, um sich zu überzeugen, dass es ein unrealistischer Quatsch war. War es auch – aber verdammt spannend. Ihre Bekannten fragten sich, warum sie in ihrer Freizeit solche Sachen schaute, als hätte sie im Alltag nicht genug mit schrecklichen Fällen zu tun. Eben nicht. Die meisten Fälle, mit denen sie zu tun hatte, waren langweilig. Routine, schnell geklärt. Es gab nicht viele Tötungsdelikte und wenn, waren es Beziehungsdelikte, der Täter schnell gefunden.
«Wissen Sie, wer der Tote ist?»
Fischer schüttelte den Kopf. «Kein Ausweis, kein Geld, keine Schlüssel. Wahrscheinlich wohnt er irgendwo in Jogging-Distanz ... oder er wurde beraubt.»
«Scharf kombiniert», sagte Brandstetter. Fischer wollte etwas entgegnen, als sein Handy klingelte. Sie bat die Rechtsmedizinerin, ihr so schnell wie möglich den Bericht zu schicken. Es gab keinen Grund, länger im Nieselregen herumzustehen. Sie wollte nicht di- rekt ins Büro fahren, sondern heimgehen, duschen, Kaffee trinken, sich umziehen und dem Stau die Schuld für die Verspätung geben. Brandstetter spürte schon den Kaffeeduft in der Nase und das warme Wasser auf der Haut, als Fischer sie am Arm zurückhielt.