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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 3: Falsche Krokodile

Was bisher geschah: Kriminalpolizistin Vera Brandstetter, 35, wird zu einer Wasserleiche gerufen, wo sie neben einer wortkargen Rechtsmedizinerin auf einen Dorfpolizisten trifft, der besser in eine Stripshow als an einen Tatort gepasst hätte.

Vera Brandstetter hätte die Hand des Dorfpolizisten beinahe weggeschlagen. Er hielt sein Mobiltelefon in die Höhe. «Ich glaube, wir wissen, wer der Tote ist. Eine Frau hat ihren Mann als vermisst gemeldet, er ist gestern Abend nicht vom Joggen heimgekehrt. Sie wohnt drüben in Heitersberg.»
«Das hat sie erst jetzt gemeldet?»
«Nein, sie hat eben nochmal nachgefragt. Der erste Anruf kam gestern gegen halb elf Uhr nachts, er ist anscheinend untergegangen.»

Oder ignoriert worden, dachte Brandstetter. «Der wird wohl in der Beiz sein oder bei der Geliebten. Kein Grund, ein Büro aufzumachen», werden sich die Kollegen in der Zentrale gedacht haben. Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Der Polizei wurden ständig die Mittel zusammengestrichen, sie konnten nicht jedem Ehemann nachrennen, der den Heimweg nicht fand. Der Mann, der nicht heimgekommen war, hiess Reto Schwander, die Beschreibung der Kleider passte. Brandstetter liess sich die Adresse geben.
«Das ist in der grossen Blocksiedlung, soll ich Sie hinfahren?», bot Fischer an. Sie schüttelte den Kopf. Glaubte er, dass sie zu Fuss unterwegs war?
«Danke, ich habe ein Navi.»

Sie verabschiedete sich und kehrte zu ihrem Auto zurück. Einen Moment überlegte sie, nach Hause zu fahren, um wenigstens trockene Schuhe anzuziehen, doch ihre Wohnung lag in der entgegengesetzten Richtung. Auf einen Kaffee wollte sie hingegen nicht verzichten, bevor sie der Ehefrau die schlechte Nachricht überbrachte. Sie hielt bei dem kleinen Einkaufszentrum: ein Grossverteiler mit Selbstbedienungsrestaurant, ein Schuhgeschäft, ein Coiffeur, eine Apotheke. Beim Schuhgeschäft gab es Crocs-Kopien für 9.90. Sie hatte sich eigentlich geschworen, niemals diese hässlichen Latschen zu tragen, aber besser als nasse Füsse waren sie allemal. Sie kaufte ein Paar, dazu weisse Sportsocken für 3.50. Sie ging in das Café und bestellte einen Cappuccino zum Mitnehmen. Beim Gehen steckte sie eine Gratiszeitung ein, mit der sie im Auto die Turnschuhe ausstopfte. Sie zog die Socken und die Latschen an und fuhr zu der angegebenen Adresse. Der Kaffee schmeckte so trostlos wie das Einkaufszentrum, aus dem er stammte.

Die Siedlung bestand aus vier Hochhäusern und acht dreistöckigen Blöcken, die Gebäude waren vor ein paar Jahren saniert und in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Sie parkte den Wagen und ging zu Fuss weiter, inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Sie fand das Namensschild «Schwander» und schellte. Der Summer ertönte, sie betrat das Haus und stieg durch das Treppenhaus in den sechsten Stock hinauf. Sie fuhr nicht gern Lift, und Treppensteigen war ein gutes Training. In der Stadt war sie zu Fuss in vier Minuten im Fitnesscenter gewesen und mehrmals die Woche hingegangen. Hier draussen war das nächste fünfzehn Autominuten entfernt. Die Atmosphäre hatte ihr nicht gepasst, sodass sie nach dem Probemonat nicht beigetreten war. Sie hatte es mit Joggen versucht, doch die Landschaft machte sie depressiv. Die Goretex-Turnschuhe stammten von diesem gescheiterten Versuch. Seit dem Umzug in die Agglo hatte ihre Form gelitten, sie würde bald wieder etwas Regelmässiges finden müssen, die körperliche Anstrengung fehlte ihr.

Vor der Wohnungstür wartete eine grosse, perfekt geschminkte Frau mit blauen Augen und langen blonden Haaren. Sie trug eine weisse Seidenbluse, enge Jeans mit Löchern an den Knien, nicht weil sie hingefallen, sondern weil es Mode war. Lange Fingernägel, eine goldene Kette um den Hals, eine goldene Männeruhr, grosse, runde Ohrringe, an den Füssen Sandalen mit Glitzersteinen.

Misstrauisch musterte sie Brandstetter, die gerade in ihrem Regenmantel, den Latschen und den mit Dreck verspritzten Jeans heftig atmend und leicht schwitzend aus der Tür vom Treppenhaus trat und ihr einen Polizeiausweis vors Gesicht hielt.
«Frau Schwander, Sie haben angerufen, wegen Ihrem Mann?»
«Haben Sie ihn gefunden?» Die Frau hatte einen osteuropäischen Akzent.
«Vielleicht gehen wir besser hinein», schlug Brandstetter vor.