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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 4: Die perfekte Ehe

Was bisher geschah: Die Kriminalpolizistin Brandstetter wird mit dem Fall eines im Dorfweiher ertränkten Joggers betraut. Sie besucht die Frau, die einen Mann, auf den die Beschreibung passt, vermisst gemeldet hat.

Vera Brandstetter folgte der blonden Frau in ihre Wohnung. Ein kurzer Flur führte ins grosse Wohnzimmer, das von einem gigantischen Fernseher dominiert wurde, gegenüber ein weisses Sofa, dazwischen die filigranen Boxen eines Home-Cinema-Systems. Parkettboden, ein schwarzweiss gemusterter Wollteppich unter dem lackschwarzen Salontisch, darauf eine Schale mit Steinen, links der Balkon, rechts ein Sessel. Alles picobello aufgeräumt, sie kam sich vor wie in einem Möbelkatalog. Frau Schwander zögerte, der Polizistin mit den dreckigen Hosen den Sessel anzubieten. «Ich stehe lieber», erlöste sie Brandstetter.

«Ihr Mann ist nicht vom Joggen nach Hause gekommen?»
«Ja, seit gestern Abend ist er fort. Ich mache mir grosse Sorgen.»
«Kommt es öfter vor, dass er einfach wegbleibt?»
«Niemals. Ich weiss immer, wo er ist. Er ruft an, wenn er verhindert ist. Wir sind sehr glücklich, er trinkt nicht und hat keinen Grund, sich herumzutreiben.» Brandstetter versuchte ihren Akzent einzuordnen. Russland?
«Haben Sie ein Foto von ihm?»

Die Frau griff zu einem Tablet, das auf dem Beistelltisch gelegen hatte, wischte darauf herum und präsentierte ein Hochzeitsfoto. Sie in einem prächtigen Kleid, der Bräutigam in einem dunkelblauen Anzug strahlten perfekt ausgeleuchtet, blumenumkränzt vor einer Kirche. Es war der Mann, der auf der Plastikfolie gelegen hatte. «Wir haben vor zwei Jahren geheiratet, davor führten wir sechs Monate eine Fernbeziehung. Ich stamme aus der Ukraine.» Sie unterbrach sich. «Was ist mit meinem Mann?»

Brandstetter holte tief Luft. «Setzen Sie sich.»
Zögerlich liess sich die Frau auf der Sofakante nieder.
«Frau Schwander, ich habe schlechte Nachrichten: Ihr Mann ist tot. Er wurde umgebracht.» Die Frau blieb stockstill sitzen. In ihrem Gesicht zeigte sich keine Regung, was an der dicken Schicht Schminke liegen mochte oder daran, dass sie in ihrem Leben schon viele schlechte Nachrichten empfangen hatte. Nur ihre Finger schlangen sich krampfhaft ineinander. «Entschuldigung.» Sie stand auf und verschwand durch eine Tür vorne links im Gang.

Brandstetter griff nach dem Tablet und wischte sich durch die Bilder. Herr und Frau Schwander vor dem Matterhorn, in Interlaken, vor dem Grossmünster, am Genfer See, auf dem Jungfraujoch. Der Mann wirkte stets etwas verkrampft, seine schmalen Lippen brachten kein richtiges Lächeln zustande, während sie eine Menge blendend weisser Zähne zeigte. Die Tür ging und Brandstetter legte das Tablet wieder zurück. Frau Schwander kam mit einem zerknüllten Kleenex in der Hand zurück.

«Hatte Ihr Mann Feinde? Haben Sie eine Idee, wer ihn umgebracht haben könnte?»

Sie sah starr zu Boden und schüttelte den Kopf. So wenig sie sich äusserlich anmerken liess, so tief war sie offenbar erschüttert. Oder hatte sie Angst? Brandstetter legte ihr die Hand auf die Schulter, was keine gute Idee war, die Frau versteifte sich.

«Brauchen Sie Hilfe?»
«Nein.»
«Haben Sie Kinder, die man abholen muss? Oder sonst jemanden, den ich benachrichtigen sollte?»
«Nein, keine Kinder. Niemand.»
«Ich brauche die Personalien Ihres Mannes.»

Frau Schwander ging zur Garderobe und zog aus einer gewachsten braunen Jacke ein schwarzes Lederportemonnaie, dem sie eine Identitätskarte entnahm und Brandstetter reichte. Reto Schwander war 48 Jahre alt geworden. Bürger eines Vororts von Bern. Die Frau griff in die Aussentasche der Jacke und zog eine weissblaue Plastikkarte in einer durchsichtigen Hülle an einem blauen Bändel hervor. Es war der Firmenausweis, der wahrscheinlich auch als Badge diente. Auf dem Foto, das älteren Datums war, trug Schwander ein weisses Hemd und eine weinrote Krawatte. Sein Name stand auf der Karte, «Senior Developer» und seine Unterschrift. Cormartec AG hiess die Firma. Eine Adresse stand nicht darauf, doch Brandstetter kannte den Schriftzug. Er prangte an einem Gebäude im Industriegebiet, das vom Autobahnzubringer aus zu sehen war.