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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 5: Der Arbeitsplatz

Die Kriminalpolizistin Vera Brandstetter wird mit dem Fall eines im Dorfweiher ertränkten Joggers betraut. Sie besucht die Frau, die einen Mann, auf den die Beschreibung passt, vermisst gemeldet hat.

Ohne die Personalien der Frau aufgenommen zu haben, verliess Vera Brandstetter die Wohnung und fragte sich, wie die Gewalt, der Reto Schwander zum Opfer gefallen war, in diese heile Welt eingedrungen war. Zufall, eine Verwechslung – oder hatte sie schon immer in diesen blitzblanken Räumen, diesem ehelichen Idyll gewohnt? Brandstetter hatte vor langer Zeit aufgehört, voreilige Schlüsse zu ziehen. Angst und Schrecken hatte sie in Bruchbuden und prächtigen Villen angetroffen, hatte bei Frauen, denen sie die Nachricht vom Tod des Ehemannes überbrachte, Erleichterung gesehen. Ungläubigkeit, dass der Terror endlich vorbei war. Frau Schwander hingegen schien ehrlich erschüttert gewesen zu sein.

Brandstetter fuhr nach Hause, duschte und zog sich um. Ob zum Ausgleich für ihren schäbigen Look am Morgen oder unbewusst beschämt von der sorgfältig zurechtgemachten Frau des Opfers, schminkte sie sich dezent, zog eine helle Bluse und schwarze Bundhosen an, dazu halbhohe Pumps. An die rechte Hand steckte sie einen schmalen goldenen Ring mit einem kleinen Diamanten, der als Ehe- oder Verlobungsring durchgehen konnte. Dem Namen der Firma nach zu urteilen, würde sie es dort vor allem mit Männern zu tun haben, und von denen gab es einige, die ausserhalb ihres familiären und beruflichen Umfelds nie mit Frauen sprachen. Wahrscheinlich hatte es in ihrem Leben nur die kurze Zeit zwischen Überwindung der Pubertätsscheu und Finden der festen Partnerin gegeben, in der sie das getan hatten. Nun versuchten sie, ihren Mangel an Übung durch ein Übermass an Enthusiasmus wettzumachen, froh um die Gelegenheit, ihren brachliegenden Charme loszuwerden. Der Ring schützte davor. Meistens.

Es war kurz vor Mittag, als sie auf den Hof der Comartec AG in der Nachbargemeinde Hölzlingen fuhr. Die Firma war in einem dieser funktionalen Gebäude untergebracht, deren Fassade vor zwanzig Jahren leicht futuristisch gestaltet worden war, verhaltener Optimismus innerhalb eines strengen Kostenrahmens, als Zeichen der Innovationsfähigkeit des Unternehmens, ohne dessen Grundsolidität in Frage zu stellen. Ein lang gezogener Produktionstrakt, eine Lagerhalle, ein vierstöckiges Verwaltungsgebäude, etwa achtzig Autos auf dem Parkplatz, zwei Dutzend Velos und Mofas im gedeckten Unterstand. Brandstetter stellte ihren sieben Jahre alten silbernen Hyundai auf den Besucherparkplatz. Am Empfang legte sie der jungen Frau, deren Schminkkünste ebenfalls nichts zu wünschen übrigliessen, ihren Polizei- sowie den Firmenausweis von Reto Schwander vor.

«Herrn Schwander ist etwas zugestossen. Kann ich mit einem Vorgesetzten oder Kollegen sprechen?»
Die junge Frau rang mit der Fassung, auf so eine Situation war sie offenbar nicht vorbereitet.
«Am besten sprechen Sie mit Frau Hofmann, warten Sie.» Sie wählte eine Kurzwahlnummer. «Erika, kannst du schnell herunterkommen? Da ist jemand von der Polizei. Danke.»
«Ist sie die Chefin hier?», fragte Brandstetter.
Die Empfangsdame sah sie an, als sei das eine völlig absurde Idee. «Nein, sie ist die Pi-ey des Si-ii-oo. Sie ist schon sehr lange bei uns.»
«Die was ist sie?»

«Die P.A. Personal Assistant. Früher sagte man wohl Chefsekretärin», erklärte die junge Frau leicht ungeduldig. Die Lifttür ging auf und eine Frau von etwa sechzig Jahren, die Haare kastanienbraun gefärbt, orange gemusterte Bluse, brauner Rock, um den Hals ein rotbrauner Foulard, trat festen Schrittes heraus und auf Brandstetter zu.
«Erika Hofmann, freut mich.» Sie gab ihr die Hand.
«Vera Brandstetter. Kriminalpolizei. Es geht um einen Ihrer Mitarbeiter.»
«Kommen Sie, wir besprechen das oben.»

Hofmann berührte Brandstetter leicht am Ellbogen und sie fuhren mit dem Lift hinauf. Es war nicht der Moment, nach dem Treppenhaus zu fragen, und sie würde am Nachmittag noch einmal sechs Stockwerke hochsteigen, um Frau Schwanders Personalien aufzunehmen.