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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 6: Ein stiller Kollege

Die Ermittlungen im Fall eines ermordeten Joggers führen die 35-jährige Kriminalpolizistin Vera Brandstetter an den Arbeitsplatz des Opfers, ein solides Unternehmen mit Autobahnanschluss. Sie gelangt bis in die Chefetage, was in der Branche nur wenigen Frauen gelingt.

Vom Büro von Frau Hofmann aus hatte man Aussicht über die hüglige Landschaft, die so viele Menschen anheimelte, Vera Brandstetter jedoch zuwider war. Wäre der Wald nicht gewesen, hätte man den Schnabelweiher gesehen. Dankbar nahm sie das Angebot für einen Espresso an und erstattete Erika Hofmann kurzen Bericht.

«Könnte Reto Schwanders Tod etwas mit der Arbeit zu tun haben?»

«Das kann ich mir nicht vorstellen», antwortete Hofmann. «Wir stellen rotationssymmetrische Teile aus Metall her. Durch Stanzen und Umformen fertigen wir Serienteile und Baugruppen.» Frau Hofmann lächelte, als sie den ratlosen Ausdruck in Brands- tetters Gesicht sah. «Grob gesagt stellen wir Ersatzteile für die Auto- und Maschinenindustrie her und entwickeln Prototypen.»
«Ist Werksspionage ein Thema?»
«Auszuschliessen ist es nicht. Patente schützen einen heutzutage nur noch bedingt, doch es ist sehr kapitalintensiv, unsere Produktionsanlagen zu kopieren. Herr Schwander kannte kaum ein Betriebsgeheimnis, das ihm hätte gefährlich werden können.»
«Was war er für ein Typ?»
«Ruhig, fleissig, pünktlich. Er ist seit dreizehn Jahren im Betrieb. Kommen Sie, ich bringe Sie in seine Abteilung hinunter. Dort kann man Ihnen mehr über ihn erzählen.»

Mit dem Lift fuhren sie in den zweiten Stock. Hofmann klopfte an eine Tür, auf der «206 Development Alfred Kauer, Reto Schwander» stand.
«Herein», rief es von drinnen, und sie betraten ein schlicht eingerichtetes Zweierbüro. Stirnseitig aneinander geschobene hellgraue Schreibtische mit Monitoren und Tastaturen darauf, festmontierte Schreibtischlampen, beige gesprenkelter Bodenbelag, halbhohe Schubladengestelle. Der leere Schreibtisch war derart aufgeräumt, dass er unbenutzt aussah.

Am anderen Tisch sass ein Mann Mitte fünfzig, der sich erhob, als sie hereinkamen. Er trug ein blauweiss kariertes Hemd, das am Bauch etwas spannte, die Ärmel waren hockgekrempelt und gaben kräftige Unterarme frei. Um den Hals baumelte an einem Lederbändel eine dunkelblaue Plastikbrille. Er zog seine hellen, unförmigen Jeans hoch und reichte Brandstetter die Hand. «Ich muss wieder, wenn Sie noch etwas von mir brauchen, kommen Sie einfach, Sie wissen ja wo», verabschiedete sich Hofmann.

Brandstetter bedankte sich bei ihr. Alfred Kauer liess sich auf seinen Bürostuhl fallen, als sie ihm von Schwanders Tod berichtete. «Das ist ein Schock», sagte er leise.
«Was können Sie mir über Ihren Kollegen erzählen?»
Der Mann fuhr sich durchs graue Haar, zuckte die Achseln. «Nicht viel, fürchte ich. Wir haben eigentlich nur über die Arbeit gesprochen. Privat weiss ich so gut wie nichts über ihn.»
«Wie lange arbeiten sie schon zusammen?»
«Wir teilen seit vier Jahren das Büro, was aber nicht heisst, dass wir immer am selben Projekt arbeiten. Reto war sehr verschlossen. Es gab Leute, die ihm das als Arroganz ausgelegt haben. Man konnte schon den Eindruck bekommen, dass er sich für etwas Besseres hielt und darum nichts mit anderen zu tun haben wollte. Ich persönlich glaube eher, dass er schüchtern war, unsicher. Ein brillanter Ingenieur, aber mit den Menschen konnte er es nicht.»
«Hat er Sie zu seiner Hochzeit eingeladen?», fragte Brandstetter, der das Bild auf dem Tablet in den Sinn kam.
«Nein, wo denken Sie hin? Ich habe den Ring an seinem Finger erst nach vier Monaten bemerkt. Wir hatten ausserhalb der Arbeit wirklich nichts miteinander zu tun.»
«Nicht einmal ein gemeinsames Mittagessen oder so etwas?»
«Nur, wenn es etwas zu besprechen gab. Reto ging über Mittag oft heim, er wohnt ja ganz in der Nähe.»

Brandstetter strich sich durch ihr kurzes rotbraunes Haar. Sie zog die Schubladen des Schreibtischs auf und schaute in die Abteile des Gestells. Säuberlich eingeräumtes Büromaterial, Ordner und Fachbücher. Wie die Wohnung wirkte auch der Arbeitsplatz wie aus dem Katalog. Perfekt und unpersönlich.
Brandstetter überreichte Kauer ihre Karte und verabschiedete sich.