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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

All Inclusive
Türen öffnen

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. So steht es in der schweizerischen Bundesverfassung. Niemand darf diskriminiert werden, beispielsweise wegen seines Geschlechts, seiner Lebensform oder aufgrund einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. Das Gesetz sieht zudem Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen vor.

Um dieser gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen, müssen Schulen und Ausbildungsstätten Vorkehrungen gegen behinderungsbedingte Barrieren treffen. Dabei geht es nicht nur um bauliche Anpassungen. Schülerinnen und Studierenden mit einer Behinderung, die grundsätzlich fähig sind, die vorgegebenen Lernziele zu erreichen, soll es ermöglicht werden, ihr Können und Wissen auch zu zeigen.

Das kann bedeuten, dass ein Schüler mit einer körperlichen Behinderung eine Prüfung nicht von Hand, sondern mit dem Computer schreibt, oder dass eine Studentin mit einer Sprachbehinderung eine mündliche Prüfung schriftlich ablegen darf. Diese spezifischen Massnahmen werden unter dem Begriff «Nachteilsausgleich» zusammengefasst. Dabei geht es explizit darum, nur Nachteile auszugleichen, die während Prüfungen aufgrund einer – ärztlich attestierten – Behinderung entstehen. Den Lernstoff müssen die behinderten Schüler und Studierenden selbstverständlich genauso beherrschen wie ihre nichtbehinderten Kolleginnen. Trotzdem gibt es immer wieder Kontroversen darüber, ob der Nachteilsausgleich den Betroffenen nicht vielleicht doch ungerechtfertigte Vorteile verschaffe.

Die SVP vertrat 2016 in einer Vernehmlassungsantwort zum Medizinalberufegesetz (MedBG) die Meinung, dass nur Menschen mit körperlichen Behinderungen ein Gesuch um Nachteilsausgleich stellen dürfen sollen. Die Partei forderte, dass «Menschen mit geistigen oder psychisch/seelischen Beeinträchtigungen, wie etwa einer Konzentrationsstörung oder einer Lese-Rechtschreibschwäche, von solchen Ausgleichsmass- nahmen ausgenommen werden sollten».

Begründet wurde dies folgendermassen: «Es gilt hier nämlich zu beachten, dass die Ausübung der im MedBG geregelten Berufe allesamt hohe Anforderungen an die intellektuellen Kapazitäten der ausübenden Personen stellen. Dabei ist es in der Praxis dann bei weitem nicht immer möglich, wie in einer Prüfungssituation Kompensationsmassnahmen zu treffen. Ein Chirurg, der eine mehrstündige Operation durchführen muss, kann sich nicht auf ein Aufmerksamkeitsdefizit berufen und deshalb die Operation einfach verlängern. Ebenso wenig kann eine Leseschwäche als Vorwand gelten, wieso ein Arzt keine Fachartikel lesen muss, obwohl das zur beruflichen Weiterbildung unabdingbar wäre.»

In den Fünfzigerjahren vertauschte ein Junge im Waadtland ständig Buchstaben und Wörter. Er las sehr langsam und hatte Mühe mit dem Verstehen von Texten. Die Schulpflege hätte ihn an liebsten in die Sonderschule geschickt. Doch ein Lehrer erkannte, dass der Junge nicht zu wenig intelligent war, sondern an einer Leseschwäche (Legasthenie) litt. So etwas wie einen «Nachteilsausgleich» gab es damals offiziell noch nicht, doch dank der Fürsprache dieses Lehrers – und nach einigen Schulwechseln – erlangte der junge Waadtländer schliesslich trotz- dem die Matura. Er studierte Physik, promovierte in Biophysik, wurde Professor an der Universität Lausanne, Direktor des Elektronenmikroskopiezentrums und leitete die Fakultät für Biologie.

Ende des letzten Jahres ging der humorvoll formulierte Lebenslauf des Wissen- schaftlers um die Welt. Unter 1955 steht: «Erster offiziell anerkannter Legastheniker des Kantons Waadt – das erlaubte mir, schlecht in allem zu sein ... und diejenigen zu verstehen, die Schwierigkeiten haben.» Vergangenen Dezember wurde Jacques Dubochet für seine Entdeckungen im Bereich der Kryo-Elektronenmikroskopie der Nobelpreis für Chemie verliehen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 421 des Surprise Strassenmagazins.

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