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Surprise-Krimi
Folge 7: Das Spielzimmer

Vera Brandstetter, Ermittlerin im Fall des in der Agglomeration ermordeten Ingenieurs Reto Schwander, kann auch an seinem Arbeitsplatz nur Spuren eines aufgeräumten Le­ bens finden. Bei den Kollegen nicht besonders beliebt zu sein, ist noch kein Grund, umgebracht zu werden, hofft Brandstetter, die auch nicht mit allen gut kann.

Brandstetter hatte Hunger. Sie fuhr zurück ins Einkaufszentrum. Zwischen Rentnern, Frauen mit Kindern und Männern in Arbeitsgewändern ass sie im Selbstbedienungsrestaurant einen Salat und ein Stück Spinatwähe. Im Gegensatz zur Dorfpizzeria fiel sie hier als Alleinessende weniger auf. Trotzdem schaute sie konzentriert aufs Handy. Auf keinen Fall wollte sie eine Männer­stimme hören, die fragte: «Isch da na frei?»

Den Kaffee nahm sie mit und trank ihn im Auto. Um halb zwei Uhr stand sie wieder vor Schwanders Wohnung. Die Ehefrau des Ermordeten hatte sich inzwischen umgezogen, sie trug nun einen halblangen schwarzen Rock und eine olivgrüne Bluse. Als Ers­tes nahm Brandstetter ihre Personalien auf. Sie hiess Olena Schwander ­Rudenko, war 36 Jahre alt, gebürtige Ukrainerin.

Über ihren verstorbenen Gatten konnte oder wollte sie nicht viel sagen. Die Ehe sei glücklich, das Verhältnis zu seiner Familie gut gewesen. Er hatte nur noch einen Bruder, der aber in England lebte. Reto Schwanders Hobbys waren Sport und Filmeschauen. Am Wochenende unternahmen er und seine Frau gerne Ausflüge mit dem Auto. Ab und zu gingen sie in das nahe gelegene Multi­plex­-Kino oder selten einmal auswärts essen. Freunde hatten sie wenige, Feinde überhaupt keine. Sie machten Städtereisen und schauten sich dort Musicals an. Einmal im Jahr fuhren sie zwei Wochen in ihre Heimat, im Winter eine Woche zum Skifahren nach Davos, obwohl sie selber nicht Ski fuhr. Ihr Mann trank kei­nen Alkohol, das erneut zu betonen war Olena Schwander wich­tig. Sie sprach von ihm, als sei er noch am Leben.

Brandstetter bat, sich umschauen zu dürfen. Olena Schwander führte sie als Erstes ins Schlafzimmer. Auf dem breiten Bett lag eine helle Tagesdecke, daneben standen zwei Nachttische auf Rollen, die gegenüberliegende Wand wurde von einem Spiegel­ schrank eingenommen. Die Möbel waren weiss, genauso gut hätte es ein Hotelzimmer der gehobenen Mittelklasse sein können.

Umso erstaunter war Brandstetter, als Olena Schwander ihr das nächste Zimmer zeigte. An der Wand hing ein Flachbildschirm, der fast so gross war wie der im Wohnzimmer. Neben Plakaten von Kriegsfilmen hingen eine Schweizer und eine blaugelbe Fahne, die Brandstetter nicht kannte. Mitten im Raum thronte ein abgenutzter Sessel, Hüllen von Videogames lagen herum. Auf einem kleinen roten Kühlschrank stand eine offene Dose Red Bull, auf dem Fussboden lag eine angebrochene Chipstüte. Im Gegensatz zum Rest der Wohnung und zu Schwanders Arbeits­platz war es hier geradezu chaotisch. Endlich konnte sie den Men­ schen ein wenig spüren. Als hätte er seine ganze Persönlichkeit in dieses kleine Zimmer gepfercht.

«Sein Mänkeyf», Olena Schwander lächelte ein So­-sind­-sie­-halt-­Lächeln.
«Sein was?» Schon wieder ein Wort, das Brandstetter nicht verstand. Sie kam sich alt vor.
«Sein Man Cave», wiederholte Olena Schwander. «Sein Män­ nerzimmer, ich hab eigentlich Verbot, den Raum zu betreten.» Ihr Lächeln gefror, als ihr bewusst wurde, dass das Verbot nicht mehr galt.

In der Ecke beim Fenster, dessen Rollläden heruntergelassen waren, stand ein einfacher Schreibtisch, mit zwei grossen Moni­ toren und einem Joystick darauf. Unter dem Tisch ein schwarzes Computergehäuse. Brandstetter hatte gar nicht gewusst, dass es noch Desktop­-Computer gab. Ausser bei der Polizei. Nur dass dieser hier doppelt so breit war und vorne Lüftungsschlitze hatte.

«Das ist sein Computer zum Gamen, sehr teuer», erklärte Olena Schwander nicht ohne Stolz. Brandstetter ging in die Knie, um das Ding einzuschalten. Sie drückte einen Knopf, doch es geschah nichts. Weil sie keinen wei­teren Schalter sehen konnte, kroch sie unter den Schreibtisch. Die Seitenwand des Computers war durchsichtig, sie untersuchte die Hinterseite, ob es dort noch einen Knopf gab, und schaute, ob die Maschine eingesteckt war. Das Kabel führte hinter dem Schreib­ tisch hindurch. Sie leuchtete mit ihrem Handy. Das Kabel steckte in einer Stromleiste. Sie wollte schon wieder zurückkriechen, als ihr auf der Unterseite des Schreibtischs etwas auffiel.