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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 8: Das Arsenal

Was bisher geschah: Vera Brandstetter, Ermittlerin im Fall eines in der Agglomeration ermordeten Ingenieurs, entdeckt in der perfekten Wohnung des Opfers ein Spielzimmer, das Abgründe vermuten lässt.

Unter der Tischplatte war in der hinteren rechten Ecke mit braunem Paketband ein wattierter Umschlag befestigt. Brandstetter riss ihn los, kroch unter dem Tisch hervor und öffnete ihn. Banknoten quollen heraus, gebrauchte Scheine, alle Stückelungen.

«Woher stammt dieses Geld?», fragte sie streng.
«Ich weiss es nicht, ich war nie hier drin.» Frau Schwander lehnte sich an den Türrahmen.
Brandstetter drehte den Kopf und entdeckte den Waffenschrank, der vom Vorhang verdeckt in der Ecke des Zimmers stand. Ein billiges Modell aus dem Baumarkt, gesichert mit einer Zahlenkombination. «Können Sie den öffnen?», fragte sie.

«Nein.»
«Wissen Sie, was drin ist?»
«Seine Waffen.»
«Wozu brauchte er Waffen?»
«Um sich zu verteidigen.»
Olena Schwander sah Brandstetter an, als sei das die dümmste Frage, die sie je gehört hatte.
«Gegen wen?»
«Gegen Verbrecher, gegen Terroristen, gegen Fremde.» «Machen Sie den Schrank auf.»
«Ich kenne die Kombination nicht.» Olena Schwander verschränkte die Arme vor der Brust. «Das hier war sein Reich. Ich bin eine Frau und kümmere mich um den Haushalt, ich koche, ich putze, ganz normal.» Trotzig strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. «Ich weiss, in der Schweiz ist das nicht normal. Hier sind die Frauen keine Frauen mehr, sie wollen wie Männer sein, und die Männer sollen wie Frauen sein.»

Brandstetter, die Schweizer Frau, die in einem Männerberuf arbeitete und eine Kurzhaarfrisur trug, hob die Augenbrauen.
«Das ist aber nicht normal», fuhr Frau Schwander fort. «Wie wir es machen, ist normal. Der Mann versorgt die Familie und verteidigt das Haus, die Frau hält es in Ordnung. So war es schon immer und überall.» Brandstetter wartete, ob da noch etwas kommen würde, doch Schwander blieb stumm.

«Wenn Sie den Schrank nicht öffnen, muss ich die Kollegen aufbieten. Die nehmen dann auch Ihre Wohnung auseinander.» «Ich kenne die Kombination nicht, das habe ich doch gesagt. Nennen Sie mich etwa eine Lügnerin?»
Brandstetter ging nicht darauf ein. Stattdessen rief sie die Untersuchungsrichterin an, die Spurensicherung und die Computerforensik. Ohne zu fragen, setzte sie sich im Wohnzimmer in den Sessel. Olena Schwander nahm ihr gegenüber auf dem Sofa Platz. Sie bot ihr nichts zu trinken an, versuchte nicht, ein Gespräch in Gang zu bringen. Die meisten Leute fingen an zu reden, wenn die Polizei in ihrer Stube sass. Weil sie einen guten Eindruck machen wollten, etwas loswerden mussten oder ganz einfach die Stille nicht ertrugen. Nach einer Weile griff Frau Schwander nach dem Tablet und wischte darauf herum. Brandstetter schaute ihr zu, widerstand dem Drang, sich mit ihrem Handy zu beschäftigen. Sie konnte gut stillsitzen. Das hatte sie als Kind gelernt, wenn der Vater seine schwierigen Tage hatte, wenn der Föhn ging und es am besten war, so zu tun, als sei man gar nicht da. Seither konnte sie sich so weit in sich selber zurückzuziehen, dass sie ihren Kör- per, der auf die erzwungene Bewegungslosigkeit mit Schmerzen, mit Stechen und Jucken reagierte, nicht mehr spürte. Das war immer noch besser gewesen, als den unberechenbaren und heftigen Zorn des Vaters auf sich zu ziehen.

Bis die Kollegen endlich an der Tür schellten, war eine geschlagene Stunde vergangen. Den Waffenschrank öffneten sie im Nu. Die beiden Sturmgewehre und die drei Pistolen, die sich neben reichlich Munition darin befanden, waren ordnungsgemäss gemeldet, ebenso der geladene Revolver in seiner Nachttischschublade. Reto Schwander hatte Angst gehabt. Ob vor etwas Konkretem oder vor der Welt im Allgemeinen, war Brandstetter noch nicht klar. In einer braunen Ledermappe bei der Garderobe steckte sein Firmenlaptop, im Schlafzimmer lagen ein privates Notebook und ein Tablet. Weil Olena Schwander keine Passwörter zu kennen vorgab, wurden alle Geräte, auch der Desktop, mitgenommen. Bis die Kollegen fertig waren, war es bereits dunkel.

Brandstetter bestellte Olena für den nächsten Tag auf zehn Uhr in ihr Büro im Hauptgebäude der Kriminalpolizei. Es war Zeit, sich dort wieder einmal zu zeigen, bevor sie ganz vergessen ging. Diese Gefahr drohte nicht nur, weil sie in der Agglo wohnte.