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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 9: Auf der Ersatzbank

Was bisher geschah: Kriminalpolizistin Vera Brandstetter findet in der Wohnung des Mordopfers Reto Schwander einen grösseren Geldbetrag und ein Waffenarsenal. Die Ehefrau des Getöteten gibt sich schweigsam und lässt sich auch von der Hausdurchsuchung nicht beeindrucken. Das Opfer hatte Angst. Nur wovor?

Vor zwei Jahren war zum ersten Mal eine Frau Vorsteherin des kantonalen Sicherheitsdepartements geworden. Seither tat die Regierungsrätin alles, um nicht den Verdacht zu erwecken, in ihrem Departement würden Frauen bevorzugt behandelt. Auf keinen Fall wollte sie jene Kreise gegen sich aufbringen, die Frauenförderung für nichts anderes als einen Auswuchs des Genderwahns hielten, der zum Ziel hatte, die traditionelle Familie und damit das Land und seine Werte zu zerstören. Darum, da war sich Vera Brandstetter, eine von nur vier Kriminalpolizistinnen im Korps, sicher, bekam sie keine Fälle mehr zu lösen, die sie für eine Beförderung empfohlen hätten. Ihre in den ersten Jahren steil verlaufene Karriere war einfach steckengeblieben. Sie versauerte in der Provinz und fühlte sich auf die Ersatzbank abgeschoben, obschon sie bei den internen Beurteilungen und Tests immer zu den Besten gehörte.

Das galt auch für das Schiessen, was gewisse Kollegen dazu animierte, sie als «heissen Schuss» zu bezeichnen. Natürlich nur wegen dem Schiessresultat, grins, grins, nichts für ungut, ein bisschen Spass muss sein. Sie staunte immer wieder, dass Männer glaubten, sie seien die Einzigen, denen so ein Bombenscherz einfallen konnte. Wenn sie die Kraft nicht aufbrachte, so zu tun, als würde sie das zumindest halbwegs lustig finden, und darauf hinwies, dass dieser Spruch einen langen grauen Bart hatte, hiess es gleich: Die versteht keinen Spass, was tut die so heikel? Eine frustrierte Emanze wahrscheinlich oder eine Lesbe. Die haben kurze Haare. Das regte sie auf, weil es ungerecht und verlogen war. Sie hatte einmal einen Polizisten, der eine unglückliche Affäre mit einer Bekannten von ihr hatte, als «Wachtmeister Halbmast» betitelt. Die Empörung war gross gewesen. Eine Gemeinheit sei das und überhaupt Privatsache.

Seit sie bei der Kripo arbeitete, war es besser geworden. Dort hatte niemand ein Problem damit, dass sie als Frau diesen Job ausübte. Trotzdem wahrte sie Distanz und trennte das Private streng vom Beruflichen, was nicht immer ganz einfach war. Es gab viele Paare im Korps. Die unregelmässigen Arbeitszeiten erschwerten ein Sozialleben, die spezielle Rolle, die Polizisten in der Gesellschaft einnahmen, schweisste zusammen und war für Aussenstehende mitunter schwer zu verstehen.

Sie überlegte, ob sie bei Thorsten schlafen sollte, entschied sich aber dagegen. Er arbeitete als Koch und würde erst spätnachts heimkommen. Obwohl sie gerne in der Stadt übernachtet hätte, kehrte sie in ihre Wohnung in der Agglo zurück. Sie stolperte über die neuen Crocs-Kopien, die sie achtlos vor dem Bad hatte liegen lassen, und pfefferte sie in eine Ecke. Sie kochte Teigwaren mit Fertigsauce.

Das Essen nahm sie am Küchentisch ein, neben dem Teller lag das Tablet. Sie wollte nur noch die Folge fertigschauen, die sie gestern nicht mehr geschafft hatte. Danach blieben nur noch zwei, und es lohnte sich nun wirklich nicht, die aufzusparen. Sie verlagerte sich auf die Couch, auf der sie morgens um halb drei erwachte. Das Tablet lag auf ihrem Bauch, der Akku war leer.

Sie dislozierte ins Bett und konnte lange nicht einschlafen. Trotzdem stand sie früh auf, sodass es für eine Dusche und einen Kaffee reichte, bevor sie das Haus verliess. Sie kam mit dem Auto erstaunlich gut durch, Punkt neun war sie in ihrem Büro. Kollege Kellerhals, mit dem sie es teilte, war nicht da, sie wusste nicht, woran er zurzeit arbeitete. Der Bericht von der Rechtsmedizin war gekommen und bestätigte die erste Diagnose. Reto Schwander war beim Joggen von hinten niedergeschlagen und an den Haaren ein paar Meter weit geschleift worden. Der Täter hatte sein Gesicht ins seichte Wasser gedrückt, bis er tot war, ertrunken. Wenn Schwander von dem Schlag nicht völlig betäubt gewesen war, wird er versucht haben, sich zu wehren, dachte Brandstetter. Der Mörder musste kräftig sein und eine Wut gehabt haben. Sie fragte sich, ob Olena Schwander kräftig und wütend genug war, um ihren Mann umzubringen.