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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 11: Leere Drohungen

Kriminalpolizistin Vera Brandstetter wartet in ihrem Büro auf die Witwe des Mordopfers, das in der Nähe ihres Wohnortes gefunden wurde. Da die Frau nichts über die in der Wohnung gefundenen Waffen und das Bündel Bargeld erzählen wollte, wird es Zeit, etwas Druck aufzusetzen.

Punkt zehn Uhr brachte ein Uniformierter Olena Schwander in Vera Brandstetters Büro. Der junge Beamte wollte gar nicht mehr gehen. Falls die Witwe bald wieder heiraten wollte, hätte er sich mit Begeisterung zur Verfügung gestellt. Sie war die Traumfrau für Männer ohne Fantasie, fand Brandstetter. Hübsch, blond, blaue Augen, gute Figur, lange Beine, perfekt zurechtgemacht. Heute trug sie enge Jeans - ohne Löcher -, einen blauen Pulli mit aufgenähten Strass-Steinen, die den Namen eines Luxuslabels bildeten, eine kurze hellbraune Lederjacke, ein Handtäschchen, dessen Verschluss vom goldenen Logo einer weiteren Edelmarke gebildet wurde. Brandstetter verscheuchte den stieräugigen Uniformierten und bat Frau Schwander Platz zu nehmen, während sie selber stehen blieb. Olena Schwander setzte sich steif auf die Vorderkante des Stuhls und betrachtete das Geld, das Brandstetter auf dem Schreibtisch ausgelegt hatte.

«Was können Sie mir dazu sagen?» Brandstetter stützte sich auf die Tischplatte. Süssliches Parfüm stieg ihr in die Nase, sie bewunderte das kunstvoll aufgetragene Wangenrouge. Wie lange die Frau wohl brauchte, um sich am Morgen zurechtzumachen? Bestimmt war sie jeweils vor ihrem Mann aufgestanden, um ihm dezent geschminkt das Frühstück zu servieren. Olena blieb stocksteif sitzen, erschrak nicht, wich nicht zurück. Die Situation schien ihr nicht neu zu sein. Hatte Sie schon öfter mit der Polizei zu tun gehabt? In ihrem Heimatland vielleicht?

«Ist Ihnen eingefallen, wer Ihren Mann umgebracht haben könnte?»
«Nein. Ich weiss nicht.»
Brandstetter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. «Woher stammt das Geld? Warum hat er es versteckt?»
«Ich weiss nicht.»

Brandstetter schüttelte genervt den Kopf. «So kommen wir nicht weiter.» Sie ging um den Tisch, liess sich in ihren Bürostuhl fallen und sah zur Decke.
«Warum haben Sie keine Kinder?»

Es war nicht fair, diese Frage zu stellen. Sie war ihr selber oft genug von Leuten gestellt worden, die das einen Dreck anging. Doch sie musste Olenas Verteidigungswall knacken, sie aus dem Konzept bringen. Da sie nicht gleich antwortete, doppelte Brandstetter nach: «Sie sind doch für die traditionelle Rollenverteilung. Was gibt es Traditionelleres als die Mutterrolle?»

«Ich bin Mutter», antwortete Schwander trotzig. «Ich habe einen Sohn, er ist sechzehn, er lebt in der Ukraine.»
«Wusste Ihr Mann davon?»
Brandstetter merkte, dass die Methode wirkte. In dem Blick, der sie traf, lagen Schmerz und Wut. «Natürlich, wir wollten Bohdan zu uns holen, aber das ist nicht so einfach.»

«Entschuldigen Sie. Ich habe mich ungenau ausgedrückt. Ich wollte wissen, warum Sie mit Ihrem Mann keine Kinder hatten.» Treffer. Tränen schossen in die Augen von Frau Schwander, geborene Rudenko. «Er wollte keine in diese Welt setzen», sagte sie leise. «Sie war ihm zu schlecht.»

«Woher stammt das Geld?» Brandstetter wechselte das Thema, in der Hoffnung, die Gefühlsregung ausnutzen zu können. «Handelt Ihr Mann mit Drogen? Mit Waffen? Schickt er Sie auf den Strich?»

Es war die falsche Taktik. Olena Schwander machte sofort wieder zu.

Brandstetter stand wieder auf. «Sie sind seit zwei Jahren verheiratet, Sie haben keinen Job, kein Einkommen, keine Kinder. Was glauben Sie, wie schnell Sie zurück in der Ukraine sind, wenn Sie nicht gewillt sind, mit der Polizei zu kooperieren?»

«In der Ukraine herrscht Krieg. Mein Sohn kann bald ins Militär eingezogen werden ...»

«Ach was. Das EDA schätzt die Lage anders ein, die Ukraine ist kein Kriegsgebiet», unterbrach Brandstetter. «Das EDA ist unser Aussenministerium. Stimmt, das wissen Sie nicht, Sie mussten ja nicht zur Einbürgerungsprüfung. Wäre auch Zeitverschwendung gewesen, denn wenn Sie erst mal aus der Schweiz draussen sind, kommen Sie so schnell nicht mehr rein. Landesverweis nennt sich das und wird sehr schnell ausgesprochen.»
Sie wusste, dass das Quatsch war, aber Frau Schwander wusste es offenbar nicht.
«Er hat das Geld ...», begann sie. Dann zögerte Olena.