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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 10: Die Welt ist schlecht

Was bisher geschah: Am Schnabelweiher wurde ein Jogger umgebracht. Die in der Nähe des Tatorts lebende Kommissarin Vera Brandstetter hadert damit, dass ihr dieser Fall zugeteilt wurde. Er würde ihrer Karriere, die so vielversprechend begonnen hatte, nicht weiterhelfen.

Während sie in ihrem Büro sass und auf die Witwe des Opfers wartete, dachte Vera Brandstetter über die Waffen nach, die Reto Schwander gehortet hatte. Wie kam ein Durchschnittsbürger in einem der sichersten Länder der Welt dazu, sich zu bewaffnen, als lebe er mitten in einem Kriegsgebiet? Die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, war in der Schweiz noch nie so tief gewesen wie heute. Von den 45 Menschen, die 2016 umgebracht wurden, waren 19 Opfer häuslicher Gewalt geworden, bis auf eine Ausnahme alles Frauen. Die Menschen schätzten Gefahren völlig falsch ein. Sie fürchteten den fremden Vergewaltiger in der dunklen Gasse, während sie mit ihrem zukünftigen Mörder im Bett lagen. Das Gefühl, bedroht, von Feinden umzingelt, ihnen ausgeliefert zu sein, sich verteidigen zu müssen, verbreitete sich immer mehr. Die Leute waren nicht etwa beruhigt, wenn sie mit Kriminalstatistiken konfrontiert wurden, die einen Rückgang der Verbrechen, insbesondere jener gegen Leib und Leben, nachwiesen. Nein, sie reagierten misstrauisch. Sie hielten an ihrer schlechten Welt fest und waren überzeugt, dass es immer schlimmer würde. Während im richtigen Leben die Gefahr sank, Opfer eines Verbrechens zu werden, wurden brutale, blutrünstige Krimis immer populärer. In der S-Bahn fielen ihr jeweils die Frauen auf – es waren meist Frauen – die von ihrem netten Arbeitsplatz in ihr schnuckliges Heim fuhren und dabei Thriller lasen, in denen Frauen oder gar Kinder auf brutale Weise gequält und abgeschlachtet wurden. Die erfolgreichsten dieser Romane kamen aus Skandinavien, also aus den Ländern mit den weltweit tiefsten Mordraten.

Die Serien, die Brandstetter auf ihrem Tablet schaute, waren nach demselben Muster gestrickt. Oft waren es sogar Polizistinnen, die ins Visier sadistischer Verbrecher gerieten. Auch Brandstetter genoss den elektrisierenden Schauer, den Gewalt und Terror auslösten, wenn man aus sicherer Distanz zuschauen konnte. Sie traute sich jedoch zu, zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können. Im Beruf trug sie eine Waffe, trainierte Nahkampf, wusste, wie reagieren. Bei gefährlichen Einsätzen hielt sie sich an die vorgegebenen Abläufe und ging keine unnötigen Risiken ein. Im Privatleben hatte sie keine Angst.

Reto Schwander hingegen hatte Angst gehabt und sich auf einen bewaffneten Angriff in den eigenen vier Wänden vorbereitet. Umgebracht worden war er jedoch im Freien und mit blossen Händen. Bedeutete das, dass er sich zu Recht gefürchtet, sich zu wenig gut geschützt hatte? Wenn das der Fall war, hatte er gefährliche Feinde. Dann musste es in seinem Leben etwas geben, das nicht zu der schönen Fassade passte. So wie der Umschlag voller Bargeld nicht dazu passte. Denkbar war aber auch, dass er einer Situation zum Opfer gefallen war, die gar nichts mit ihm persönlich zu tun hatte. Dass er als Jogger einem Hündeler oder Mountainbiker in die Quere gekommen und der Streit eskaliert war. Die Leute gerieten im Naherholungsgebiet immer wieder aneinander. Der Stresslevel in der optimal zu nutzenden Freizeit war hoch. Tote hatte es bisher allerdings noch nie gegeben, Verletzte durch Hundebisse, Stürze, Schläge, Tritte immer wieder. War Reto Schwander schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen? Sie hoffte es nicht, weil solche Fälle schwer zu lösen waren. Ein unaufgeklärter Mord warf immer ein schlechtes Licht auf die Arbeit der Polizei im Allgemeinen und auf jene der leitenden Ermittlerin im Speziellen.

Um Viertel vor zehn ging sie in die Asservatenkammer hinunter und liess sich den Umschlag mit dem Geld geben. Geld war das zweithäufigste Motiv bei Tötungsdelikten. Die Scheine waren gezählt, ihre Seriennummern kontrolliert worden, sie stammten nicht aus einem Überfall und waren nicht Teil eines Lösegeldes gewesen. Zumindest nicht eines gemeldeten. Es waren 21 580 Franken. In ihrem Büro legte Brandstetter die Notenbündel auf den Schreibtisch und wartete auf Frau Schwander. Sie blieb die Hauptverdächtige. Das häufigste Mordmotiv war immer noch Liebe. Genauer gesagt, das Erkalten derselben.