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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 17: Thorsten

Was bisher geschah: Kriminalpolizistin Vera Brandstetter wendet auf der Suche nach dem Mörder eines Ingenieurs Gewalt an, um sich Zugang zu einer illegalen Spielrunde in Hinterzimmer eines lokalen Bordells zu verschaffen. Der Schlag auf die Nase des Rockers erweist sich als Schlag ins Wasser, ermittlungstechnisch.

Es war Thorsten, der Brandstetter anrief. «Ich bin früher mit der Arbeit fertig», sagte er. «Wo bist du?»

«Auf einem Parkplatz.»

Thorsten lachte. «Musst du gerettet werden?»

«Nein. Diesmal nicht.»

Vera hatte ihn auf einem Parkplatz kennengelernt. Das Internet-Date, mit dem sie essen gegangen war, hatte sie dort stehenlassen, weil sie nicht mit ihm «auf einen Schlummi» kommen wollte. Innert weniger Minuten war sie vom zauberhaften Wesen mit den schönsten Augen zur verklemmten, undankbaren Trulla degradiert worden. Der Typ konnte es einfach nicht fassen, dass sie sich nicht in ihn verliebt hatte oder zumindest so beeindruckt von ihm war, dass sie mit ihm ins Bett gehen wollte. So wurde aus dem Türaufhalten-Blumenmitbringen-Indenmantel- helfen-Gentleman in Nullkommanichts ein eser kleiner Kerl, der Gift und Galle spuckte. Just in dem Moment, in dem Brandstetter innerlich mit der Männerwelt abgeschlossen hatte, tauchte Thorsten neben ihr auf. Er arbeitete als Koch in dem Lokal am Stadtrand und hatte die Tirade mitbekommen.

«Alles okay?», fragte er.

«Ja – oder nein, eigentlich nicht.»

«Du siehst aus, als könntest du einen Schnaps vertragen.»

«Das siehst du vollkommen korrekt.»

Das Lokal hatte sich geleert, nur noch das Personal sass an der Bar. Er offerierte ihr einen Williams, sie unterhielten sich, sie trank noch zwei weitere Schnäpse und klagte ihm ihr Leid. Er selber trank nur einen mit und fuhr sie danach mit dem Auto nach Hause, obwohl sie in der entgegengesetzten Richtung wohnte. Er machte keine Anstalten, sich selber in ihre Wohnung einzuladen, sondern gab ihr seine Telefonnummer und sagte, dass er sich freuen würde, sie wiederzusehen. Sie liess sich drei Wochen Zeit, ehe sie die Nummer wählte und mit ihm essen ging. «Willst du mich nicht küssen?», fragte Vera, als sie nach dem dritten Date unschlüssig vor ihrem Haus herumstanden.

«Eigentlich schon», sagte er.

«Warum tust du es dann nicht?»

«Ich kann mir einfach nicht vorstellen, bei einer Frau wie dir eine Chance zu haben. Du bist doch in einer ganz anderen Liga.»

Sie musste lachen, küsste ihn und nahm ihn mit in ihre Wohnung. Seither waren sie zusammen.

Thorsten war drei Jahre jünger, hatte schüttere rote Locken und war leicht übergewichtig. Dass er ausschliesslich abgedrehten Metal hörte, wusste sie damals noch nicht. Dass er in der Stadt wohnte, wusste sie hingegen, und wenn sie ehrlich war, hatte das bei ihrer Entscheidung, ihn zu küssen, eine winzig kleine Rolle gespielt. Wenn sie sich sahen, dann meist in seiner Wohnung, sodass sie das Gefühl haben konnte, in der Stadt zu wohnen, die ihr so fehlte.

Weil sie Mitte dreissig war, war es unvermeidlich, dass sie bald über Kinder sprachen. Genauer gesagt darüber, dass sie keine wollte.

«Ich auch nicht», hatte er geantwortet. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Immer wieder musste sie sich rechtfertigen und hören, dass sie einen bitteren Preis zahlen müsse, wenn sie ihrer natürlichen Bestimmung zur Fortp anzung nicht nachkäme.

Die meisten ihrer Freundinnen hatten irgendwann einen Mann mit Bart und bald darauf drei Kinder. Vera war mit drei Geschwistern aufgewachsen und mochte Kinder. Dass sie bei der Arbeit sah, wie es in Familien zugehen konnte, wenn der Lack ab war vom Idyll, hatte auch nichts mit ihrer Entscheidung zu tun. Sie hatte schon immer gewusst, dass sie keine Kinder wollte. Nur hatte ihr das niemand geglaubt. Bis auf Thorsten, den sie allein dafür liebte. Dass er überzeugt war, mit ihr den Fang seines Lebens gemacht zu haben, schmeichelte ihr. Bei Renato hatte sie immer das Gefühl gehabt, dass er am Vergleichen sei. Gab es nicht noch eine Passendere, Schönere, Schärfere oder bei Bedarf Verständnisvollere, Mütterlichere, Häuslichere? Thorsten hielt sie für perfekt, was wahrscheinlich auch daran lag, dass sie sich nicht so oft sahen und nicht zusammenwohnten. Hätte er eine grössere Wohnung gehabt, wäre sie sofort zu ihm gezogen. Und wenn es nicht gegangen wäre, hätte sie ihn rausgeschmissen.