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Surprise-Krimi
Folge 24: Das Fitnesscenter

Was bisher geschah: Die Frau des Opfers im Mordfall Schwander teilte offenbar die radikalen Ansichten ihres Mannes, wie Vera Brandstetter bei einem Besuch feststellt. Für eine trauernde Witwe wirkte Olena Schwander zudem auffällig zurechtgemacht.

Was bisher geschah: Die Frau des Opfers im Mordfall Schwander teilte offenbar die radikalen Ansichten ihres Mannes, wie Vera Brandstetter bei einem Besuch feststellt. Für eine trauernde Witwe wirkte Olena Schwander zudem auffällig zurechtgemacht.

«Ich war im Fitnesscenter, trainieren», antwortete Olena Schwander sichtlich stolz.

«Sie haben doch den ganzen Tag Zeit, warum trainieren Sie ausgerechnet so spät am Abend? Wollten Sie die Zeit nicht mit Ihrem Mann verbringen?», fragte Brandstetter. Sie konnte sich tatsächlich nicht vorstellen, was Olena, ohne Job und ohne Familie, den ganzen Tag trieb. Die hob verächtlich die fein gezupften Augenbrauen.

«Montagund Mittwochabend ging er joggen, Donnerstag zum Pokern. Die Leute, die seriös trainieren, gehen frühmorgens oder spätabends ins Fitness. Über Mittag und am Feierabend ist es überfüllt, tagsüber kommen die Hausfrauen, die ständig quatschen, und die Rentner, die einen anstarren.» «Wo trainieren Sie denn?» «Im Elite-Fit in Gründorf.» «Wissen Sie noch, wie lange Sie dort waren?» «Das kann ich Ihnen genau sagen.» Sie nahm ihr Handy, das in einer zartrosa Hülle mit Glitzersteinen steckte, und bearbeitete es flink mit ihren langen roten Fingernägeln. «Hier, auf der App vom Fitnesscenter werden die Trainingszeiten gespeichert.» Schwander hielt der Ermittlerin das Display vor die Nase. «Olena 20:07–22:14», stand da neben dem Datum, an dem Reto Schwander umgebracht worden war. Sie zog das Handy wieder weg. «Es waren noch mehr Leute dort, nehme ich an.» «Natürlich, um die Zeit sind immer etwa dieselben am Trainieren, unter Aufsicht von einem Coach. Ich glaube, an dem Tag war es Chris.»

Reto Schwander war ziemlich genau um halb neun gestorben. Seine Frau hatte ein Alibi. Brandstetter stand auf. «Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.»

Sie verliess die Wohnung, überzeugt, dass sie nichts von Olena Schwander hören würde. Im Treppenhaus kam ihr ein Mann entgegen, sie hatte ihn nicht gehört und erschrak. Zwei Stufen auf einmal nehmend eilte er mit gesenktem Blick an ihr vorbei. Er trug Trainerhosen, Turnschuhe und ein Sweatshirt mit dem Schriftzug «Elite-Fit Gründorf». Brandstetter blieb stehen und horchte. Wenn sie richtig gezählt hatte, war er in den sechsten Stock gestiegen. In ihrem Auto googelte sie das Fitnesscenter und gelangte auf die Website. Unter der Rubrik «Team» fand sie den Mann. Er hiess Christof Wegmüller und war Fitnesstrainer. Das Elite-Fit war bis 23.00 geöffnet. Sie fuhr hin.

Am Empfang sass eine drahtige junge Frau, die Brandstetter wie eine alte Freundin begrüsste. Sie trug ein pinkes Poloshirt, auf dem das Elite-Fit-Logo und ihr Name eingestickt waren: Bianca. Brandstetter zeigte ihren Polizeiausweis, was Biancas Freundlichkeit keinen Abbruch tat, ausser, dass sie vom Du zum Sie wechselte. Sie bestätigte, dass sowohl Olena als auch Chris zur Tatzeit im Center gewesen waren.

«Sie ist ziemlich angefressen», anerkannte Bianca. «Sie trainiert fünf Mal die Woche.» Sie drehte den Bildschirm so, dass Brandstetter die Tabelle einsehen konnte. Olena Schwander hatte ihr strenges Trainingsregime, meist spätabends, hin und wieder frühmorgens, durchgezogen. Selbst an dem Tag, an dem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hatte, checkte sie um 19.58 ein.

«Haben Chris und Olena etwas miteinander?», fragte Brandstetter. Bianca gluckste und beugte sich vertrauensvoll vor. «Sagen wir mal, sie verstehen sich sehr gut. Ich habe Olena ein paar Mal aus der Trainergarderobe kommen sehen, eigentlich hat sie da nichts verloren. Was genau läuft, weiss ich allerdings nicht. Bei Chris den Überblick zu behalten ist nicht ganz einfach.» Sie zuckte lächelnd mit den Schultern.

Brandstetter schaute sich einen der Flyer an, die auf dem Empfangstresen lagen. Seit ihrem gescheiterten Versuch bei der Konkurrenz hatte sie kein Fitnesscenter mehr betreten. «Kommen Sie doch zu einem Probetraining, kostenlos natürlich.» Bianca zog einen Gutschein hervor. «Hier, benutzen Sie diesen Code. Sie können sich online anmelden. Auf Abos gewähren wir Angehörigen von Polizei und Sicherheitsdiensten zudem zehn Prozent Rabatt.»

Nicht gerade schmeichelhaft, mit den Angehörigen der wildwuchernden Sicherheitsbranche in einen Topf geworfen zu werden, dachte Brandstetter, bedankte sich artig und fuhr nach Hause.