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Surprise-Krimi
Folge 25: Die Bücher

Was bisher geschah: Kriminalpolizistin Vera Brandstetters Ermittlungen im Fall eines ermordeten Joggers bringen sie auf die Spur eines Fitnesstrainers. Und sie erhält Einblick in die elektronische Bibliothek des Opfers.

Am nächsten Morgen parkte Brandstetter ihren Wagen bereits um neun Uhr im Hof der Hauptwache. Kellerhals war nicht im Büro, dafür fand sie in ihrer Inbox eine Nachricht des Kollegen von der Abteilung Cyber-Kriminalität, der den Usernamen angelegt hatte, mit dem sie in das Forum gelangt war. Die Abteilung, die aus allen Nähten platzte, war in drei Büros im zweiten Stock zusammengepfercht. Sie hatte einen jungen Nerd erwartet, keinen Endvierziger mit grauem Kinnund Oberlippenbart, Brille, Sweatshirt und Jeans. Auf dem Schreibtisch standen Fotos seiner Familie und seiner Harley.

«Ich bin der Andi, ich habe den digitalen Footprint des Opfers rekonstruiert.» Die elektronischen Geräte von Reto Schwander standen auf einem kleinen Möbel mit Rollen. «Das Firmen-Notebook ist professionell gesichert, wir haben die Zugangsdaten noch nicht bekommen. Das hier», er nahm das Tablet zur Hand, «konnten wir anschauen. Auf der Reader-App sind rund 200 E-Bücher gespeichert, teils auf Englisch. Das meiste sind Sachbücher zu Finanzthemen, wobei ihn Goldman-Sachs besonders interessiert hat, zum Judentum und etwas Esoterik. Dazu Bestseller wie ‹Beuteland› von Udo Ulfkotte, ‹Böse Gutmenschen› von Bernd Höcker, ‹Das Medienkartell› von Eva Hermann, alles von Thilo Sarrazin, aber auch ‹Die Weisen von Zion› und Hitlers ‹Mein Kampf› auf Deutsch, gekauft bei Amazon.com für 3 Dollar und 37 Cent.»

Brandstetter wurde plötzlich klar, warum die Wohnung der Schwanders so unpersönlich wirkte. Die Bücher. Es gab keine. Nicht, dass sie selber viele besessen hätte. Ein paar Romane, Ratgeber, Bildbände und Kochbücher fanden sich aber schon in ihrer Wohnung. Neben dem Bett lag ein Buch von Elena Ferrante, das ihr eine Freundin geliehen hatte. Seit Wochen wollte sie damit beginnen, doch bisher hatten stets die Serien gesiegt.

«Er hat sein Facebook-Konto deaktiviert, aber nicht gelöscht, wir konnten seine Aktivitäten rekonstruieren. Bevor er es deaktiviert hat, ist sein Konto zweimal gesperrt worden, weil er beleidigende Aussagen gemacht hat. Einmal gegen Asylbewerber, einmal gegen eine grüne Politikerin.» Brandstetter war erstaunt. «Nicht gegen die Juden?»

«Nein, da hielt er sich zurück. Auf Facebook war er mit Nationalrat Glarner befreundet, der eine Zeitlang so stark gehetzt hat, dass seine politischen Ämter in Gefahr gerieten. Erst eine PR-Kampagne in der Ringier-Presse, die ihn mit Flüchtlingskindern im ‹Blick› und mit seiner Tochter in der ‹Schweizer Illustrierten› präsentierte, glättete die Wogen. Einmal ist Schwander bei einer Diskussion auf der Seite dieses Nationalrats so ausfällig geworden, dass der Eintrag gelöscht und sein Konto gesperrt wurde. Wenn er nicht diskutierte, veröffentlichte er Fotos seiner Frau, schau hier.» Andi klickte an seinem Computer herum, auf dem Bildschirm wechselten in rascher Abfolge Bilder von Olena. Von hinten im Bikini, bis zu den Knien in einem See, im Badeanzug auf einem Liegestuhl, im engen T-Shirt an einem Strohhalm saugend, in einem Café irgendwo im Süden, in einem kurzen Rock an ein Brückengeländer gelehnt.

«Was hast du sonst noch gefunden?», unterbrach Brandstetter, die wusste, wie Olena aussah. Andi, der gebannt auf den Bildschirm gestarrt hatte, beendete hastig das Programm.

«Er hat viel gespielt, Online-Poker und Multiplayer Shooter Games. Geballer mehr oder weniger. Pornos scheinen ihn dagegen nicht interessiert zu haben, das ist aussergewöhnlich. Die finden wir eigentlich immer. Andererseits auch kein Wunder bei der Frau. Was soll er auswärts Hamburger essen, wenn es zuhause Filet gibt?» Andi schnalzte genüsslich mit der Zunge.

Brandstetter atmete tief durch. «Sonst noch etwas?»

«Er hat sich sehr für ein amerikanisches Unternehmen namens Palladium Inc. interessiert.»

«Was hat es damit auf sich?»

«Das habe ich noch nicht überprüft, glaubst du, es ist wichtig?»

Brandstetter, die sich fragte, wie viel Zeit er mit dem Betrachten, Sammeln und Aufbereiten von Olenas Bildern verbracht hatte, schüttelte den Kopf und verabschiedete sich.