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Die Sozialzahl
Sicher unterwegs

Fühlen Sie sich sicher auf dem Nachhauseweg, auch wenn es spät wird? Oder steigt der Adrenalinspiegel, wenn Sie durch eine schlecht beleuchtete Unterführung oder eine schwer überschaubare Strasse entlanggehen müssen? Gefühle der Unsicherheit oder Sicherheit im öffentlichen Raum sind wichtige Indikatoren für die Beschreibung von Gesellschaften. Berichte über Überfälle und Übergriffe auf offener Strasse, die regelmässige Publikation von Kriminalitätsstatistiken, aber auch konkrete eigene Erfahrungen oder solche aus dem nahen Umfeld beeinflussen die eigene Gefühlslage. Und die wiederum wird allzu häufig für politische Zwecke instrumentalisiert. Kaum eine Abstimmung in den letzten Jahren, wo nicht auch Gefühle der Angst und der Unsicherheit eine Rolle spielten.

Regelmässig werden Bürgerinnen und Bürger in verschiedenen Ländern nach ihren Unsicherheitsgefühlen befragt. Konkret ist anzugeben, wie sicher man sich fühlt oder fühlen würde, wenn man in seiner Wohngegend nach Einbruch der Dunkelheit allein zu Fuss unterwegs ist oder wäre. Die Schweiz gehört seit vielen Jahren zu jenen Ländern, in denen sich die überwiegende Mehrheit der Leute sicher fühlt. Nur etwa jede achte Person gibt an, auf dem Nachhauseweg unsicher zu sein.

Allerdings verbergen sich hinter dieser Zahl ein paar sozioökonomische Muster, die zu denken geben müssen. So geben dreimal mehr Frauen als Männer an, sich unsicher zu fühlen. Fast doppelt so häufig wie Erwachsene vor dem Rentenalter fühlen sich ältere Menschen unsicher, wenn sie am Abend alleine unterwegs sind. Und schliesslich zeigt sich auch, dass dieses Gefühl der Unsicherheit auch vom Bildungsniveau beeinflusst wird. Menschen mit tiefer Bildung fühlen sich ungleich unsicherer auf dem Nachhauseweg als Menschen mit einem hohen Ausbildungsabschluss. Man darf vermuten, dass diese auch in «besseren» Wohngegenden zu Hause sind.

Viel wird über mehr Sicherheit im öffentlichen Raum diskutiert. Die Vorschläge reichen von einer grösseren Präsenz der Polizei auf der Strasse bis hin zu Lady-Taxis, die warten, bis die (älteren) Frauen in den Hauseingang eingetreten sind. Und von noch mehr Überwachungskameras bis zur besseren Durchmischung von Quartieren mit günstigem Wohnraum. Das mag alles nützlich sein, zeigt aber auch eine gewisse Hilflosigkeit.

Entscheidend scheint etwas anderes zu sein, wenn man sich den internationalen Vergleich anschaut. Demokratische und offene Gesellschaften, die allen ihren Bürgerinnen und Bürgern eine Chance und einen Platz bieten, die eine tiefe Arbeitslosigkeit aufweisen und eine massvolle Ungleichheit der Einkommen, Gesellschaften, die stärker von Respekt, Anerkennung und Toleranz als von Vorurteilen und Ressentiments geprägt sind, und in denen Diskriminierungen aller Art wenigstens ansatzweise Einhalt geboten wird: In solchen Gesellschaften herrscht offenbar auch im öffentlichen Raum eher ein Gefühl der Sicherheit. Noch gehört die Schweiz zu dieser Gruppe von Ländern.

Stimmt die obige These, dann ist auch klar, wie mehr Sicherheit im öffentlichen Raum zu schaffen wäre. Wie so oft geht es letzten Endes um Fragen der Erwerbsbeteiligung und der Lohneinkommen, der sozialen Sicherheit und Chancengleichheit im Bildungswesen.