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In Frieden

Geboren und aufgewachsen in einer Gesellschaft, in der man vor allem für die Gemeinschaft lebt, ist es für mich üblich, das Glück und die Trauer der Menschen in meiner Umgebung zu teilen. Besonders wenn jemand stirbt, sind Nachbarn und Angehörige moralisch dazu verpflichtet, die Familie zu unterstützen. Als Trauerzeit gelten die ersten zwölf Tage nach dem Tod. In dieser Zeit trauert die Gemeinschaft Tag und Nacht mit den Hinterbliebenen und bietet finanzielle und soziale Hilfe, damit die Familie nicht alleine unter dem Verlust leidet. Nach den zwölf Tagen wird im Namen der verstorbenen Person eine Messe in einer nahegelegenen Kirche abgehalten, und alle wünschen der Seele des Toten, in Frieden zu ruhen. Damit ist die Trauerzeit offiziell beendet. Für Christen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, ist der Wunsch «Ruhe in Frieden» das beste Geschenk, das die gestorbene Person bekommen kann.

Seit ich ein Smartphone mit Internetzugang habe, surfe ich öfter in den Sozialen Medien. Sie vernetzen mich mit meinen Geschwistern, Freunden und Bekannten, die weit entfernt von mir leben. Einmal fiel mir auf Facebook ein Ausdruck auf, den ich schon öfter gesehen hatte. Ich fragte meinen Bruder, der gerade bei mir war: «Was bedeutet Rip?» Ich las es als ein Wort. Sein Gesichtsausdruck sagte mir, dass dies eine unerwartete Frage war für eine, die einen Bachelor in Englischer Linguistik hat. Er sagte, dass dies kein Wort sei, sondern die Abkürzung für «Rest In Peace», Ruhe in Frieden. «Zeigt man so sein Beileid?», fragte ich enttäuscht weiter.

Inzwischen ist RIP zu einem der meistgebrauchten Kommentare meiner eritreischen Facebook-Freunde geworden. Manche, die im Ausland leben, posten ein Foto von Familienangehörigen, die in Eritrea verstorben sind, andere posten ein Foto von sich selbst mit einem Freund, den sie im Mittelmeer verloren haben, andere verdunkeln ihr Facebook-Profil als Zeichen der Trauer. Ihre Facebook­Kontakte sprechen daraufhin ihr Beileid aus, indem sie RIP darunter schreiben oder den traurigen Emoji verwenden. Auf diese Weise lese ich viele schockierende Nachrichten über Verstorbene, Angehörige von Menschen, die ich kenne.

Mir selbst widerstrebt es, mein Beileid mit diesem Ausdruck über die Sozialen Medien zu teilen. Warum das so ist, fiel mir lange schwer auszudrücken. Der Grund ist der 3. Oktober – ein trauriges Datum für viele eritreische Familien. Vor fünf Jahren am 3. Oktober sank vor der italienischen Insel Lampedusa ein Boot mit Flüchtlingen, die von Libyen nach Italien übersetzen wollten. Dabei starben mehr als 360 Menschen, die Mehrheit von ihnen aus Eritrea. Wer durch die Facebook­-Einträge und Fotos zu diesem Datum scrollt, stösst unweigerlich auf ein Gedicht und die Zeichnung einer 26-jährigen eritreischen Frau, die an Bord dieses Bootes war und dort bei der Geburt eines Kindes ihr Leben verlor. So wie alle anderen hatte diese Frau das Risiko auf sich genommen, um ein besseres Leben für sich und ihr Kind zu haben. Leider hat sie doppelt Unglück gehabt: Weder konnte sie ihr erstes Kind unter würdigen Umständen bekommen, noch hat sie ein besseres Leben gefunden.

Mich hat das Unglück damals sehr mitgenommen, die Erinnerung stimmt mich immer noch traurig. Auch hier finden sich viele RIPs in den Kommentaren. Und das ärgert mich. Nicht nur, weil ich es zu wenig finde, Beileid in drei Buchstaben zu äussern, sondern auch weil dies die Normalität und Akzeptanz symbolisiert, mit denen wir Tragödien wie diese hinnehmen. Wie lange noch müssen wir einem nach dem anderen wünschen, in Frieden zu ruhen, wie lange noch weinen? Ich sehne mich nach einer Zeit, wo wir nicht nur RIP haben, sondern auch LIP – «Live In Peace», Lebe in Frieden.

Semhar Negash, erschienen in Surprise Nr. 445