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Challenge League
Am goldenen Ufer

Im März 2014 fing ich mit dem Deutschkurs C1 an und habe dort Ismail Bajrami kennengelernt. Mit seinem roten Gesicht und dem braunen Haar sieht der heute 35-Jährige aus wie ein Mitteleuropäer und nicht wie vom Balkan. Er ist schnell und schlagfertig im Gespräch, reagiert immer sofort auf die Worte des Gegenübers. Er ist zwar kritisch, aber mit seinem Lächeln zieht er die Menschen an. 

Wir sitzen in einem Restaurant in der Goldküstengemeinde Herrliberg, Ismails Blick ruht auf dem Zürichsee. Fast schon senkt sich die Abenddämmerung, man sieht die Lichter auf der anderen Seite. «Wie immer das Ingwergetränk», sagt er dem Kellner. Auf dem Smartphone sucht er nach der Online-Ökonomenkonferenz, an der er teilnimmt. 

Als die Getränke da sind, beginnt er mit seiner Geschichte: Mit 15 war er zwei Monate zu Besuch in der Schweiz. Zürich habe ihm damals gefallen. Jahre später lernte er seine zukünftige Frau kennen. Sie ist ebenfalls ursprünglich Mazedonierin, wuchs aber in Zürich auf und war damals auf Heimaturlaub. 2003 heirateten sie, kurz darauf kam Bajrami in die Schweiz. 

Er erhielt eine B-Bewilligung, die ersten sechs Monate war er arbeitslos. Dann fing er als Gipser bei einer Firma in Zürich an, danach wurde er Fahrer in derselben Firma. «Nach drei Jahren wurde ich entlassen. Wegen Führerscheinentzugs», lächelt er. Kurz darauf fand er wieder Arbeit, diesmal als Maler. 

Beim Deutschlernen hat er eine Vorliebe für Autodidaktik. Den Anfänger-Sprachkurs, den er während seines ersten Jahres in der Schweiz begann, beendete er schon nach zwei Monaten. Er sagt dazu: «Ich lernte lieber beim Sprechen und beim Radiohören im Auto, als mich mit der Grammatik im Unterricht abzumühen.» Jetzt drückt der Mazedonier für den C1-Deutschkurs wieder die Schulbank – sein Berufsleben macht es nötig. 

Ismail stammt aus einer armen Familie, weshalb ihn das Buch «Reicher Vater, armer Vater» des US-Amerikaners Robert Kiyosaki stark interessierte – ein Ratgeber, der sich mit dem Verhältnis zu Geld und Erfolg beschäftigt. «Als ich als Maler hart arbeitete und gleichzeitig das Buch las, verstand ich, wie sehr der wirtschaftliche Erfolg von deiner gedanklichen Einstellung abhängt», sagt Bajrami. Acht Jahre lang haben er und seine Frau einen Teil ihrer beiden Einkommen gespart. Anfang 2016 gründete Bajrami sein eigenes Bauunternehmen mit zehn Mitarbeitern und kaufte drei Wohnungen: «Aus dem Buch habe ich gelernt, wie man vom Angestellten oder Selbständigen zum Unternehmer und Investor wird.» 

Ismail und ich diskutieren oft über Geld und die Wirtschaft. Unsere Meinungen gehen auseinander: Er findet, man müsse alle Gelegenheiten zum Geld verdienen nutzen, die einem sein Netzwerk bietet – ich finde, das wäre rücksichtslos anderen Menschen gegenüber. Ismail hatte als Jugendlicher Stress, er habe damals «seine Zeit verschwendet», sagt er. Jetzt will er sie produktiv nutzen: «Beim Autofahren höre ich immer meine Hörbücher über Finanzen und Wirtschaft statt Musik.» Er empfiehlt ein ruhiges Leben: «Wer gestresst ist, kann nicht erfolgreich sein. Stress lenkt vom richtigen Denken ab.» Er wisse, wovon er spreche. 

Ismail wohnt jetzt an der Zürcher Goldküste und hat eine Niederlassungsbewilligung. Im März 2017 steht der Test für seine Einbürgerung an. Und er hat Pläne, nicht nur mit seiner Firma: Bajrami will ein Buch über seinen Erfolg schreiben. Er spricht den Titel mit Stolz aus: «Reich werden ist einfacher als arm bleiben.»