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Strassenfussballer-Porträt
«Ich will etwas weitergeben»

Als Pascal «Paco» Fust zum ersten Mal in der Surprise Strassenfussball-Liga spielte, wusste er nicht, wo er eigentlich war. Heute bildet der 27-Jährige die Schiedsrichter aus.

«Beim ersten Turnier hatte ich dauernd Krach mit dem Schiri. Das war an den Schweizermeisterschaften 2010 in der Zürcher Bahnhofshalle. Und als wir nach der Gruppenphase rausgeflogen sind, bin ich komplett düregheit! Am nächsten Tag dämmerte mir, dass nicht nur der Fussball an diesem Turnier anders war, sondern auch die Teams. Ich schaute im Internet nach, und mir wurde der soziale Hintergrund des Strassensports klar. Ich war ja einfach spielen gegangen, weil mich der ehemalige Nati-Captain Santiago für sein Team aufgeboten hatte. Allerdings passten die Spielerkriterien: Ich war arbeitslos, die Eltern hatten mich rausgeworfen und ich lebte vom Sozialamt.

Ich steckte im Loch, seit ich die Lehre als Heizungsmonteur abgebrochen hatte. Ich hatte es satt, immer dreckige Hände zu haben, ausserdem schmerzte der Rücken. Daraufhin meldete mich mein Vater beim Militär. Als hohes Tier war er überzeugt: Diese Schule würde mich etwas lehren. Ich diente zwei Jahre durch, einen Abschluss hatte ich danach noch immer nicht. Mein Vater gab mir dann zwei Monate Zeit, um Arbeit zu finden. Als die vorbei waren, meldete ich mich beim Sozialamt und bekam ein Zimmer im Asylbewerberheim. Im Kanton Schwyz gibt es nicht viele soziale Einrichtungen, da werden einfach alle Randständigen in einen Topf beziehungsweise ein Haus geworfen. Es war aber eine spannende Zeit. Ich lernte viele Eritreer kennen und schätzen, auch beim gemeinsamen Fussballspielen. Trotzdem wollte ich weg.

Nach einem Jahr fand ich einen Job in einem Callcenter und verkaufte den Leuten Versicherungen oder Zeitschriften-Abos für 18 Franken die Stunde. Das reichte, um mir in Siebnen ein Zimmer zu leisten. Damals lernte ich meine grosse Liebe kennen, Michelle. Anfangs verheimlichte ich ihr, wie und wo ich lebe. Ich schämte mich. Aber ich merkte auch: Nun musst du was tun, sonst läuft sie dir davon! Als mir beim Callcenter gekündigt wurde, landete ich erneut beim Sozialamt. Zum Glück blieb Michelle bei mir. Da sie aber noch in der Lehre war, häuften sich die Schulden. Krankenkasse, Miete, Telefon, Strom – wer sollte das alles zahlen? Ich drehte wieder in einer Abwärtsspirale.

Genau dann kam die Anfrage für die Surprise-Nati. Nach meinem unglücklichen Debüt in der Zürcher Bahnhofshalle entschuldigte ich mich für mein Verhalten. Ich spielte weitere Turniere, und in der Saison 2011 kam das Nati-Aufgebot. Wir hatten eine super Mannschaft und eine grossartige Zeit. Beim Benefiz-Spiel im Stade de Suisse kamen wir sogar im Schweizer Fernsehen – ich beim Freistoss. Noch heute telefoniere oder chatte ich einmal pro Woche mit damaligen Mitspielern. Auch in schlechten Zeiten. Als einer lebensmüde war, holten wir ihn nach dem Spital zwei Wochen zu uns nach Hause.

Mittlerweile haben Michelle und ich zwei Kinder, zweijährig und vier Monate alt. Wegen der Familie habe ich mich letzte Saison vom Strassensport verabschiedet. Ich habe jetzt konstant Arbeit und erfülle die Spielerkriterien nicht mehr. Ausserdem wurde bei mir Diabetes diagnostiziert. Das hat mich erst ein halbes Jahr flachgelegt, weshalb mein Job bei einem Jobvermittlungsbüro gekündigt wurde. Heute verkaufe ich Software und andere Produkte. Nach der Babypause sucht auch Michelle wieder einen Job als Kleinkinderzieherin. Wir wollen ausserdem eine neue Wohnung finden, was mit den Betreibungen sehr schwierig ist. Aber es dauert ewig, bis die Schulden mit unseren kleinen Einkommen abbezahlt sind. Trotzdem bin ich glücklich mit der Familie. Von diesem Glück will ich etwas an andere weitergeben. Bei Surprise lernte ich, dass selbst Menschen in Not anderen helfen können. Darum brauchte es kaum Überzeugungskunst, als vom Strassensport die Anfrage kam, ob ich die Schiedsrichterleitung übernehmen will. Ich weiss ja selbst, was die Liga den Spielern bringt und wie wichtig gute Schiris sind.

Bei der Saisoneröffnung habe ich rund 20 Schiedsrichter in den neuen Regeln ausgebildet und während zwei Turniertagen betreut. Klar hat es mich in den Füssen gejuckt. Aber mit meinem Zucker wäre ich nach zwei Minuten platt. Ich gebe meinen Einsatz besser so, damit andere spielen können.»