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Verkäuferporträt
«Mein Traum: ein fahrbares Happy-Bett»

Roger Meier, 55, hat in seinem Berufsleben schon den Beton des AKW Mühleberg saniert und eine Staumauer verputzt. Heute verkauft er Surprise, hilft Passanten auf dem Berner Bärenplatz – und spart für ein Wohnmobil der besonderen Art. 

«Anfang der Achtzigerjahre, kurz nach dem Abschluss meiner Lehre zum Müller, bin ich der Liebe wegen vom Kanton Aargau nach Bern gezogen. Die Liebe ist gegangen, Bern ist geblieben. Wie heute habe ich auch damals eine Zeit lang ohne Obdach gelebt. Weil ich die Leute auf der Gasse gut kannte, engagierte mich die Berner Suchthilfestiftung Contact, um auf der Kleinen Schanze und später im Kocherpark für Ordnung in der offenen Drogenszene zu sorgen. Ich habe Spritzen getauscht, Abfall entsorgt und dazu immer wieder Süchtige betreut, die eine Überdosis erwischt hatten. Schätzungsweise 400 bis 600 Leute habe ich in dieser Zeit ‹belüftet›, sprich wiederbelebt.

Mitte der Neunzigerjahre wurde es etwas ruhiger. Meine damalige Partnerin und ich bekamen eine Tochter und zwei Söhne und wohnten etwas ausserhalb von Bern. Aus einer früheren, sagen wir mal ‹Begegnung›, habe ich noch einen Sohn, mit dem ich in losem Kontakt geblieben bin, obwohl er nicht bei mir aufgewachsen ist.

Als die älteste Tochter der jüngeren drei Kinder gerade mal sieben Jahre alt war, brach unsere Familie auseinander. Ich arbeitete in jener Zeit viel und merkte zu spät, dass meine Ex-Partnerin überfordert war, immer mehr trank und sich nicht mehr genügend um die Kinder kümmern konnte. Ich ertrug die ganze Geschichte auch schlecht und erlitt schliesslich einen Nervenzusammenbruch. Damit die Kinder in einem stabilen Umfeld aufwachsen konnten, entschieden wir uns für eine Fremdplatzierung. Die folgenden zehn Jahre lebte ich zwar wieder ohne festen Wohnsitz, organisierte mich aber so, dass mich die Kinder jedes zweite Wochenende in der Wohnung einer Kollegin besuchen konnten. Und auch sonst war ich, heutigen Kommunikationsmitteln sei Dank, immer für meine Kinder erreichbar.

Die letzten dreieinhalb Jahre habe ich in einem alten Wohnwagen auf dem Land eines Bauern gelebt. Letzten April ging der Wohnwagen bei einem Blitzschlag in Flammen auf. Im ersten Moment war ich schockiert, habe aber bald begriffen, warum das passieren musste: Weil ich wiederum obdachlos war, ging ich zurück in die Stadt, und dort fragten mich Leute der städtischen Interventionsgruppe Pinto, die mich schon von früher kannten, ob ich interessiert sei, für den Verein Surprise Stadtführungen zu machen. Surprise habe sich bei ihnen nach einem geeigneten Stadtführer für den sogenannten Sozialen Stadtrundgang in Bern erkundigt. Nach dem ersten Gespräch war klar: Sobald der Soziale Stadtrundgang in Bern fertig organisiert ist, werde ich Führungen machen, wie es sie schon in Basel und Zürich gibt. Und bis es so weit ist, verkaufe ich das Strassenmagazin.

Nun bin ich seit Mai einer der Surprise-Verkäufer auf dem Bärenplatz und baue mir langsam meine Stammkundschaft auf. Daneben bin ich Zuhörer, Tröster oder Kummerkasten für wildfremde Leute und helfe auch sonst, wo ich kann. Einmal pro Woche kommt zum Beispiel eine ältere Dame, der ich jedes Mal das Billett löse und helfe, ins Tram einzusteigen. Einen gehbehinderten Herrn begleite ich jeden Tag über die Tramschienen. Für manche Leute passe ich auf die schweren Einkaufstaschen auf, während sie kurz etwas erledigen gehen.

Früher habe ich meist auf dem Bau gearbeitet, als Akkord-Maurer, Dachdecker und Gerüstbauer. In Bern war ich schon zuoberst auf dem

Münsterspitz im Einsatz. Dazu kamen Jobs wie Beton sanieren im AKW Mühleberg oder tagelang an einem Seil hängend die Staumauer Grand Dixence im Wallis verputzen. Seit einem Arbeitsunfall vor sechs Jahren, bei dem mir ein Stapler über meinen Fuss gefahren ist, und mit der fortschreitenden Arthrose kann ich nicht mehr 100 Prozent arbeiten. Dafür baue ich für Bekannte mal eine Katzentreppe, streiche das Gartenhäuschen oder montiere Möbel und Lampen, wie in meiner allerersten Woche im neuen Surprise-Büro in Bern.

Viel zum Leben brauche ich nicht, ich wohne ja unter freiem Himmel. Trotzdem versuche ich 500 bis 600 Franken auf die Seite zu legen, um mir meinen Traum zu erfüllen: ein fahrbares Happy-Bett! Ich will mir einen Veloanhänger bauen, wetterfest, mit einer bequemen Matratze drin, in dem ich gemütlich übernachten kann.»