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Schulden-Serie 1: Das Geschäft mit den Schulden
Sorgenfrei verschuldet

Angenommen, Sie haben sich im Laufe des letzten Jahres verschuldet. Vielleicht haben Sie, ein wenig übereilt, ein Auto gekauft, Sie haben eine Weiterbildung begonnen oder möchten Ihren Eltern aus der Patsche helfen – und haben selbst keine Reserven. Woche für Woche flattern neue Rechnungen ins Haus, für die Krankenkasse, das Handy, den Zahnarzt, dazu all die Mahnungen für bereits Versäumtes. Vielleicht sind Sie seit Monaten schon auf Kurzarbeit oder Sie haben in der jetzigen Corona-Krise gar Ihren Job verloren. Oder Sie sind alleinerziehend. Oder im Rentenalter und verwitwet. In jedem Fall wird alles immer mehr und Ihr Herz immer trüber. Inzwischen sind es 20 000 Franken, die Ihnen fehlen. 

Einen Kredit von Ihrer Bank, das wissen Sie von Freunden, werden Sie nicht bekommen, denn dafür bräuchten Sie Rücklagen. Aber angeblich gibt es Firmen, die einen auch so aus dem Schlamassel ziehen – «trotz negativer Bonität», wie es im Jargon heisst. Also machen Sie sich kundig, suchen im Internet nach Hilfe. Und werden im Nu fündig: «easy-finanz.ch» könnte so eine Website heissen, oder auch «simple-money.ch», «sky-finance.ch», «phoenix-ag.ch» oder «inpunkto-finanz.ch». (Erst später werden Sie bemerken, dass viele diese Firmen ihren Sitz am selben Ort haben, nämlich: an der Hüttistrasse 8 in 8050 Zürich.) Der Internetauftritt ist professionell, es strahlen Ihnen junge und alte, ganz bestimmt aber ungemein entspannte Gesichter entgegen, alles unter dem Motto: «Raus aus der Schuldenhölle, rein in den Finanzhimmel» (sky-finance.ch). Dazu ein Feld, in das Sie die Schulden eintragen können plus Ihre Wunschrate in Monaten, sowie das Versprechen, dass Sie nach Ausfüllen eines weiteren Formulars innert zwei Tagen Bescheid bekommen, ob Ihr Antrag auf «Schuldensanierung» gutgeheissen wird.

Was ziemlich sicher der Fall sein wird (im Übrigen auch dann, wenn Sie das Formular mit fiktiven Angaben ausfüllen, wie ein Test von Surprise gezeigt hat). Das Schreiben wird eine Auflistung der monatlichen Raten enthalten, die Laufzeit, bis Ihre Schulden getilgt sind, den jährlichen Zins – sowie eine Rechnung für eine «Vermittlungsgebühr» in der Höhe von, sagen wir, 2000 Franken (sie kann bis 15 Prozent der Schuldensumme betragen). Angenommen, Sie leihen sich den Betrag in Ihrer Not von einem Freund. Diese Gebühr haben Sie deshalb zu bezahlen, weil die betreffende Firma angeblich eine Agentur ausfindig gemacht hat, die sich ab jetzt Ihrem Anliegen widmet und die Schuldensanierung in die Wege leitet. Dieses Unternehmen könnte «Kredit Kontor» heissen, «Dr. Kredit», «Targo AG», «Dr. Doelle & Kollegen GmbH» oder «Centurio AG». (Auch hier wird Ihnen erst später auffallen, dass die meisten dieser Firmen ihren Sitz nicht in der Schweiz haben, sondern im Ausland, und zwar in derselben Stadt und an derselben Adresse, zum Beispiel: 132-134 Great Ancoats Street, Manchester, England. Derzeit sind dort 726 Unternehmen eingetragen.) 

Daraufhin wird Ihr Schuldensanierer entweder so tun, als würde er Ihnen einen Kredit gewähren. Oder er wird Sie auffordern, im Voraus mindestens zwei Monatsraten à 720 Franken zu bezahlen, die dann an die Gläubiger überwiesen werden – angeblich. In jedem Fall aber wird der Schuldensanierer von Ihnen zuvor eine «Sicherheitsleistung» von circa 3000 Franken einfordern. Sollten Sie auch diesen Beitrag bezahlen, haben sie nun zusätzliche Kosten von 5000 Franken – und dies, ohne dass auch nur ein Bruchteil Ihrer Schulden getilgt worden wäre. Gewiss werden Sie sich bei Ihrem Schuldensanierer beklagen wollen. Ihre einzige Kontaktmöglichkeit läuft über eine teure 0900 Nummer (3 Franken pro Minute oder 30 Franken pro Anruf); antworten wird Ihnen aller Voraussicht nach jedoch niemand. (Vielleicht werden Sie irgendwann einmal entdecken, dass diese Nummer jener Firma gehört, an die Sie sich als Erstes gewandt und der Sie bereits 2000 Franken bezahlt haben.)

Wie weiter? Wenn Sie nicht bald eine Lösung finden – Ihr Schuldenberg wächst an –, kommen die ersten Betreibungen.

Nicht in jedem Fall muss man in eine solche Schuldenfalle tappen; es gibt unbestritten seriöse Schuldensanierer. Deren Beratungen sind allerdings von ganz anderer Art. Vor allem versprechen sie keine Lösungen, die angeblich «fix und fertig» daherkommen. Gemäss Beat Reichenbach von der Fachstelle Schuldensanierung Berner Oberland braucht eine seriöse Schuldenberatung, je nach Budget und Verschuldung, maximal drei Jahre. Nicht wenige der Verschuldeten würden auch nach Tilgung ihrer Schulden noch Beratungen in Anspruch nehmen. Ein langwieriges Unterfangen also. Pro Jahr melden sich 350 Leute allein bei der Fachstelle Schuldensanierung Berner Oberland. 

Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass man gerade per Internetsuche auf dubiose Firmen hereinfällt, ist gross. Laut Konsumentenschutz melden sich fast täglich Personen, die mit Schuldensanierern schlechte Erfahrungen machen. Dazu tragen auch Websites bei, die als Schutzseiten für Konsument*innen auftreten und auf die man im Netz oft als Erstes stösst. Eine davon heisst «schuldenforum.ch». Nebst professionellen Schuldenberatungen enthält die Seite unzählige private Schuldensanierer, die auch auf der Warnliste der Finanzmarktaufsicht FINMA stehen. Betrieben wurde die Internetseite lange Zeit vom Deutschen Eugen Willy Bareis, Inhaber etlicher dubioser Sanierungsgeschäfte, darunter «Aktiv Direkt GmbH» oder «InOne GmbH», die inzwischen in Liquidation sind. Mittlerweile gehört «schuldenforum.ch» einem Eco Media Verlag mit Sitz an der schon erwähnten Adresse in Manchester; als Geschäftsführer zeichnet der Ukrainer Sergiy Chmelik, der seinerseits Mandate bei verschiedenen privaten Schuldensanierungsfirmen hat. 

Dass es nebst gleichen Adressen für unterschiedliche Unternehmen häufig auch personelle Überschneidungen zwischen Vermittlungsfirmen und Schuldensanierern gibt, ist keine Seltenheit. Die Reklamationszentrale Schweiz nennt über ein Dutzend Namen, die bei als unseriös eingestuften Finanzunternehmen immer wieder im Handelsregister oder im Impressum der betreffenden Websites auftauchen. Berüchtigt sind etwa die Gebrüder Dennis und Ulrich Günther; sie besitzen nebst Schuldensanierungsgeschäften auch zahlreiche Marketingfirmen. Nicht immer bezeichnen diese Namen allerdings natürliche Personen. Bisweilen stehen sie für irgendwelche Firmen wie zum Beispiel «Dr. Martin Weiss», der u.a. als «Director» von «finanz-agentur.ch» auftritt – auch sie wenig überraschend mit Sitz in Manchester.

Zu diesen Firmen gehören auch solche wie die «Cembax GmbH», die sich als Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach Schweizer Recht ausgeben, deren Stammkapital 20 000 Franken betragen muss; in Wahrheit handelt es sich aber um eine britische Limited Company LTD mit einem Stammkapital von lediglich 10 Pfund. Andere versprechen ihren Kund*innen einen Kredit, obschon es von Gesetzes wegen verboten ist, Kredite an Personen mit negativer Bonität zu vergeben. Wieder andere vermerken zwar auf ihrer Website – wenn auch an unauffälliger Stelle oder in kleiner Schrift –, dass sie keine Kredite aushändigen; dennoch tragen sie Namen wie «turbo-kredit.ch» oder «schweiz-credit.ch». Pascal Pfister von der Schuldenberatung Schweiz spricht von einem «Marketingtrick». Er rät in solchen Fällen zu einer Anzeige bei der Polizei. «Ein Warnzeichen ist, wenn für eine Schuldensanierung Geld einbezahlt werden muss ohne irgendeine Gegenleistung.»

Tatsächlich hat sich inzwischen die Bundesanwaltschaft eingeschaltet. Im Februar dieses Jahres eröffnete sie in der Deutschschweiz sowie im süddeutschen Raum gegen 90 Firmen ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Betrug, Geldwäscherei und unlauteren Wettbewerb. Angeblich haben die betrügerischen Schuldensanierer einer vierstelligen Zahl von Personen einen Vermögensschaden im Wert von 10 Millionen Franken zugefügt. 

 

Drei Merkmale, an denen man unseriöse Schuldensanierer erkennt:

  1. Sie verlangen eine finanzielle Vorleistung ohne Gegenleistung.
  2. Sie versprechen eine schnelle Lösung nach dem Motto: «Alles ganz einfach!»
  3. Sie führen keine detaillierte Klärung der Budget- und Schuldensituation durch.

Wenden Sie sich stattdessen an die kantonalen Schuldenberatungsstellen (Adressen unter: www.schulden.ch) oder an die Fachstelle Schuldensanierung (www.schuldensanierung-fss.ch). Seriöse Unternehmen erarbeiten mit den Betroffenen einen detaillierten und realistischen Schuldensanierungsplan, dessen Umsetzung mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann. Dafür werden die Verschuldeten professionell und nachhaltig begleitet.